"Big Brother ist watching you." (Bild: jeroen020/flickr.com)

„Promi“ – Big Brother und Psalm 139

"Big Brother ist watching you." (Bild: jeroen020/flickr.com)
„Big Brother ist watching you.“ (Bild: jeroen020/flickr.com unter cc-by-sa)

Ich habe einige Zeit darüber nachgedacht, über das Thema „Promi-Big Brother“ einen Beitrag zu schreiben. Vor allem deshalb, weil es eine Konsequenz hätte: Ich müsste mir eine Folge, zumindest Ausschnitte davon, anschauen. Ich habe mich schließlich dafür entschieden. Allzu lange habe ich es aber nicht ausgehalten, vier (mir völlig unbekannten) Männern dabei zuzusehen, wie sie mit ihrem nackten Oberkörper versuchten, einen Eisblock zum Schmelzen zu bringen, in dem ein Schlüssel versteckt war. Ihr werdet nicht glauben, was der Einsatz war: ein paar Schachteln Zigaretten.

Promi-Big Brother: 14 Tage, zwölf „prominente“ Menschen, die ganze Nation schaut ihnen beim rumsitzen, schlafen, rauchen und anzicken zu. Zumindest war das die Hoffnung der Produzenten. Doch die Nation scheint sich zu wehren. Die Einschaltquoten sind im Keller, inzwischen ist Sat.1 offenbar so verzweifelt, dass sie Komparsen als Zuschauer für die Live-Sendung anheuern. Der Stundenlohn dafür, den TV-Größen Cindy aus Marzahn und Oliver Pocher beim moderieren zuzusehen: 6 Euro. Ganz offensichtlich nehmen die Menschen Tickets für die Show nicht einmal geschenkt. Ein Funken Hoffnung, dass uns solcher TV-Müll in Zukunft erspart bleibt. Doch noch läuft die Sendung, am 27. September steigt das große Finale, das ich mir nicht einmal für 15€ Stundenlohn anschauen würde. 

„Wohin soll ich fliehen?“

Doch zum eigentlichen Thema. Was ist es denn, dass das Experiment zu einem besonderen macht? An dieser Stelle sei angemerkt: Das ursprüngliche „Big Brother“ hatte ja durchaus sehr erfolgreiche Phasen, auch in Deutschland. Der Theologe Frank Hiddemann hat in einem kurzen Aufsatz bereits religiöse Hintergründe des Big Brother-Formats in den Blick genommen. Einen davon, den er nur kurz anreißt, möchte ich genauer betrachten – und tue das anhand eines Ausschnitts aus den Psalmen, den auch Hiddemann anführt:

Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.
Von allen Seiten umgibst du mich, und hältst deine Hand über mir.
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
                                                                                                                                                          (Psalm 139, 3-5.7-12)

Es geht, unschwer zu erraten, um die Allgegenwart. Sie ist seit jeher ein Attribut, das einem transzendenten Wesen zugeschrieben wird – in welcher Weise auch immer. Und Psalm 139 macht sehr deutlich, dass mit dieser Vorstellung sowohl Unbehagen als auch Sicherheit verbunden sind. Freilich überwiegt in obigen Worten das Gefühl der Geborgenheit: Gott ist überall, und wo Gott ist, kann er mich führen und leiten, dort brauche ich nichts zu fürchten.

Andererseits bedeutet Allgegenwart auch eines: „wohin soll ich fliehen“? Es gibt keinen Rückzugsort, keinen Platz, an dem Gott nicht wäre. Der Prophet Jona stellt dies bei seiner misslungenen Flucht zum Beispiel fest. Vor Gott fliehen – das ist angesichts seiner Allgegenwart ein Ding der Unmöglichkeit. Die Folge: Dem Menschen kommt jegliche Privatsphäre abhanden. Ob das schlimm oder weniger schlimm ist, hängt viel vom jeweiligen Gottesbild ab. Der Beter des Psalms 139 jedenfalls fühlt sich dadurch geborgen; die Lösung liegt für ihn darin, Gottes Allgegenwart im Kontext der Barmherzigkeit und Liebe Gottes zu sehen.

Öffentlichkeit – ein allgegenwärtiger, allwissender und allmächtiger Gott

Und hier sind wir auch bei dem Punkt, den ich mit Blick auf „Big Brother“ ausführen möchte. Denn hier geschieht etwas, das nun ganz offensichtlich sein sollte: Der allgegenwärtige Big Brother  ist nicht irgendein transzendentes Wesen. Vielmehr ersetzt die „Öffentlichkeit“ (was auch immer das nun genau heißt) das, was für den Psalmbeter Gott war. Was dabei aber im Titel durch den Namen „Großer Bruder“ kaschiert wird: Da wird plötzlich eine unkontrollierbare Größe, die mediale Öffentlichkeit, zum Allgegenwärtigen. Und der „Große Bruder“ ist kein Beschützer, sondern jemand, dem man hilflos ausgeliefert ist.

Und damit fällt die erste Komponente der göttlichen Eigenschaft der Allgegenwart weg. Es hat nichts mit Sicherheit und Geborgenheit zu tun, wenn (potenziell) Millionen von Menschen jede Sekunde allgegenwärtig sind. Die Allgegenwart reduziert sich auf den zweiten angeführten Aspekt, die Unmöglichkeit der Flucht, das Abhandenkommen jeglicher Privatsphäre. Es ist nicht möglich, dies in einen Kontext der Barmherzigkeit und Liebe zur einzelnen Person einzuordnen. Denn dieser Kontext fehlt. Es geht in erster Linie um die Befriedigung eines öffentlichen Voyeurismus, nicht um die Individuen im Container.

Die Öffentlichkeit als allwissender, allgegenwärtiger Gott – das ist keine schöne Vorstellung. Zumal dann nicht, wenn man sich die Macht (…Allmacht?) vor Augen führt, die diese Öffentlichkeit über die armen Seelen im Container ausübt. Das ist nicht einmal unbedingt die Macht darüber, was passiert, wenn man aus dem Big Brother-Haus herauskommt (Ruhm oder ewige Pein-lichkeit?). Nein, die Machtausübung beginnt schon vor dem Einzug, beim Verlangen der „Promis“ danach, überhaupt an diesem Experiment teilzunehmen. Der Wunsch, sich der Allgegenwart der Öffentlichkeit auszuliefern, lässt tief blicken. Und erkennen, wie abhängig manche von diesem „Gott“ bereits sind.

„Promi“ – Big Brother und Psalm 139

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