(Bild: Screenshot evangelisch.de)

Warum ich evangelisch.de nicht lese

Es gibt eine Webseite, auf der sollte ich als Protestant wohl viel häufiger vorbeischauen, als ich es tue: evangelisch.de. Es stimmt nicht, dass ich dort gar nichts lese. Aber: sehr wenig. Und wenn, dann meist, weil mir irgendeine interessante Headline bei Facebook begegnet ist oder ich über meinen RSS-Reader auf einen interessanten Beitrag von „Stilvoll Glauben“ oder „kreuz & queer“ stoße. Aus eigenem Antrieb surfe ich eigentlich nie auf evangelisch.de, aus meinen Bookmarks ist es schon lange verschwunden.

Das liegt nicht etwa an den Inhalten (auf die will ich an dieser Stelle gar nicht eingehen). Es liegt am Design. Ich glaube, dass gute Inhalte in schlechtem Design (fast) genauso wenig taugen wie schlechte Inhalte in gutem Design. Denn: Wenn mich schon das Design vom regelmäßigen Besuch einer Webseite abhält, dann nehme ich den Inhalt oft gar nicht erst wahr. Im Folgenden zwei Aspekte, die mich davon abhalten, evangelisch.de regelmäßig zu besuchen. Es geht mir dabei nicht um Bashing, sondern um eine nachvollziehbare Kritik.

1. Die Farben

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, alle Farben und Farbtöne, die einem auf der Startseite von evangelisch.de begegnen, zu extrahieren. Ich beschränke mich auf Hintergrundfarben: #FF6B00, #D53C0A, #FF6B01, #8615B6, #B715E4, #FFB400, #FFEC00, #00ABD8, #00D7F5, #729D3F, #88B501, #6200D2, #B98700, #38A293, #333333, #7700FF, #38A293, #38D2AD, #A7AB32, #DFFF46, #B98700, #FFAD01, #0A5A96, #0090C5, #A4008D, #FF00BE, #615651. (Hier könnt ihr euch das bunte Treiben anschauen.)

Na, mitgezählt? Es sind 27 verschiedene Farben. Und ich schließe nicht aus, dass ich welche vergessen habe. Ich bin kein Webdesign-Profi, aber nach allem, was ich mir im Laufe der Zeit so angelesen habe, heißt es: Sparsam mit Farben umgehen, vor allem mit grellen. Man kann und sollte sie gezielt nutzen, um Akzente zu setzen, den Leser zu lenken und bestimmte Assoziationen zu wecken. Jedenfalls wirkt es bei dem Layout von evangelisch.de eher so, als wolle man unbedingt das komplette Farbspektrum unterbringen, egal, wie sinnvoll das ist. Das wirkt nicht frisch, modern und jugendlich, sondern amateurhaft.

Ich vermute, dass diese Buntheit vermutlich sowas wie „schaut her, wir Evangelischen sind bunt wie der Regenbogen, jeder ist willkommen“ bedeuten soll. Das ist ja auch eine schöne Aussage. Aber kann man das nicht irgendwie in einem bunten Logo auffangen? Und die Seite dann so layouten, dass man sich gern dort aufhält und keine Angst vor der nächsten Signalfarbe haben muss? In dieser bunten Farbenpracht erstrahlt evangelisch.de übrigens erst seit gut zwei Jahren, seit März 2015. Das haben zumindest meine Nachforschungen bei bei archive.org ergeben. Noch am 23. Februar 2015 wurde dort die alte Version der Webseite archiviert. Die vorherige Version war zwar auch kein Augenschmaus, aber: Es war übersichtlicher, klarer strukturiert und um einiges angenehmer für die Augen. Ein Anlass für den Relaunch war vermutlich auch, dass die Seite nicht „responsive“ war, das heißt, auf Mobilgeräten nicht vernünftig angezeigt wurde. Man muss sagen: Das ist evangelisch.de heute immerhin.

Man könnte noch annehmen, dass die Farben dafür sorgen sollen, dass der Besucher sofort weiß, in welchem Bereich von evangelisch.de er sich befindet, weil sie jeweils einer bestimmten Kategorie zugeordnet sind. Nur: Dem ist nicht so. Ich nehme mal als Beispiel die Kategorie „Blogs“: Zuerst begegnen Sie grün, ganz unten auf der Seite nochmal in grellem Pink. Die Überschriften der einzelnen Beiträge sind dann Orange hinterlegt, und in der Seitenleiste findet sich gefühlt erneut das komplette Farbspektrum. Ein System ist nicht erkennbar.

2. Die Usability

Klickt man auf den Menübutton oben links, geht der nächste Klick instinktiv eigentlich direkt zum kleinen Kreuz ganz oben rechts am Bildschirm, um den Browser zu schließen. Es öffnen sich 61 Menüpunkte. Was? Wo? Wie? Richtig. 61. Ich konnte es nicht glauben, habe deshalb gleich nochmal nachgezählt.

Der Nutzer ist völlig orientierungslos und verloren. Nichtssagende Unterteilungen wie „Krieg und Frieden“ und „Unheil und Bewältigung“ tun da ihr Übriges dazu. Ein Navigationsmenü, für das ich erst einmal eine zweistündige Einführung brauche, um es überhaupt nutzen zu können, kann ich eigentlich auch gleich weglassen. Und mit Usability hat das rein gar nichts zu tun.

Noch ein weiteres kommt hinzu: Hinter den meisten Menüpunkten verbergen sich uralte Inhalte. Ich habe nicht alle durchprobiert, liefere aber mal ein Beispiel: Unter „Kirche -> Ökumene und Weltreligionen“ prangt auf dem prominenten Platz ganz oben ein Beitrag vom 11. September 2012 (!). Fünf Jahre alt. Unter den ersten fünf Artikeln ist der aktuellste aus dem Jahr 2014, der älteste gar aus dem Jahr 2010. Erst dann kommen die aktuelleren Inhalte. Ähnlich ist es bei „Glaube -> Theologie“, „Politik-> Krieg und Frieden“, „Gesellschaft -> Bewahrung der Schöpfung“. Und bei zahlreichen anderen Kategorien.

Der Leser ist also nicht nur völlig verloren angesichts des unstrukturiert und willkürlich wirkenden Mega-Menüs, er bekommt auch den Eindruck, dass große Teile von evangelisch.de verwahrlosen, weil sich niemand die Mühe macht, die Inhalte aktuell zu halten. Und wir reden hier wie gesagt nicht von Artikeln, die einige Wochen alt sind. Wir reden von Jahren. Das ist ein absolutes No-Go. 

Fazit: Weniger ist mehr als du glaubst

Das sind nun nur zwei größere Punkte, man könnte sicher noch über viele weitere Dinge schreiben. Aber an diesen beiden Punkten hängt meines Erachtens ein ganzer Rattenschwanz: Eine schlecht gestaltete Webseite, die zudem noch unüberschaubar ist und den Nutzer orientierunglos zurücklässt, schreckt an sich schon so sehr ab, dass man über weitere Aspekte erst in der Folge reden muss. 

Wie oben geschrieben – mir geht es hier nicht um Bashing. Kritik deutlich und auch hart zu formulieren, ist nicht identisch mit Bashing. Ich kritisiere so hart, weil ich mir ein evangelisches Portal im Internet wünsche, auf das ich gern surfe, auf dem ich mich gern aufhalte, in dem ich gerne stöbere. All das tue ich momentan bei evangelisch.de vor allem aus genannten Gründen nicht. Ich habe keine Lust zu stöbern, weil ich auf der Seite verloren gehe und die Signalfarben langsam wirklich nicht mehr sehen kann. Wenn ich doch mal auf der Seite lande, bin ich ziemlich schnell wieder weg. Kurz und hart: Evangelisch.de macht mir keinen Spaß.

Es sind große, aber keine unüberwindbaren Hürden, die evangelisch.de zu einem Portal machen würden, das ich gerne besuche. Auf jeden Fall wäre dafür eine Generalsanierung fällig – und bitte diesmal mit einer anderen, kompetenten Webdesign-Agentur. Farbenfroh darf ja sein, aber nicht in einer solchen Intensität und beschränkt auf wenige Bereiche, bei denen es tatsächlich erfrischend wirken kann. Text liest sich – bis auf sehr wenige Ausnahmen – immer noch am Besten schwarz auf weiß. Und nicht weiß auf hellblau (weiß auf hellblau!). Das macht meine Augen kaputt.

Dann noch: Eine klare Seitenstruktur, ein klares Konzept, das dem Nutzer auch ersichtlich ist. (Auch darüber müsste man bei Gelegenheit wohl mal reden – was genau will evangelisch.de eigentlich sein?) Aus dem Menü können alle Punkte ersatzlos rausfliegen, die dem Besucher sowieso nicht klar sagen, was sich dahinter verbirgt. Und, bitte, bitte: Alte Inhalte in den Kategorien rausschmeißen, das macht einen enorm verwahrlosten Eindruck. Bei zeitlosen Dingen (Wie zum Beispiel in der Rubrik „Evangelisch werden“) könnte man ja wenigstens den Zeitstempel verbergen…

Nun interessiert mich aber auch: Vertrete ich da eine pöbelige Sondermeinung – und alle anderen surfen total gern täglich auf „unser“ protestantisches Informationsportal?

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Warum ich evangelisch.de nicht lese

7 Gedanken zu „Warum ich evangelisch.de nicht lese

  1. Bereits vor fünf Jahren schrieb ich:
    „Das Webdesign ist eine Katastrophe!* Die Titel der fünf aktuellen Leitartikel huschen als Slides vorbei. Sonst ein wirres Sammelsurium an Links und Verweisen, vieles mit Textanriss, aber ohne erkennbare Struktur, Wichtiges, Banales, Aktuelles und Zufälliges bunt durcheinander. Der eigentlich wertvolle Teil, die Rubriken „aktuell“ und „kompass“ sind klein und versteckt unter „Weitere Seiten“ irgendwo rechts am Rand. Wer Orientierung sucht, ist heillos verloren.“ (glaubenstexturen)
    Zwar hat sich das Layout seit dem mehrfach verändert, aber übersichtlicher oder gar einladend ist es deswegen nicht geworden. Deswegen meine volle Zustimmung zu deinem Artikel, Fabian!
    Woran mag es liegen?
    Ich habe den Verdacht, evangelisch.de wird von Leuten gemacht, die im Web nicht zu Hause sind. Sie wissen zwar, wie so ein Website technisch funktioniert, aber sie haben kaum Ahnung, wie sich ein Nutzer im Web bewegt. Wahrscheinlich, weil sie sich selbst zu wenig im Netz bewegen, also kaum eigene Surferfahrung haben.
    Die Volkskirchen sind noch nicht einmal im Web 1.0 richtig angekommen, so scheint es. Vom Web 2.0 ganz zu schweigen, – dazu der lange oben verlinkte Beitrag von mir.
    Schade ist das.
    Wirklich schade.

      

    1. fm schreibt:

      Danke für den Kommentar! Wie ja oben geschrieben, finde ich: Das Design ist sogar noch schlechter geworden. Danke für deinen verlinkten Artikel!

      Ich bin etwas zurückhaltender bei der Beurteilung, woran es liegt. Ich kenne keinen der evangelisch.de-Macher persönlich, daher mag ich auch nicht darüber spekulieren, wie „web-fest“ sie sind. (Oft ist es ja auch so, dass Redaktionen da gar nicht alleine verantwortlich sind – meines Erachtens sollte eine vernünftige Webdesign-Agentur so etwas ihren Kunden schon gar nicht vorsetzen…)

      Wie gesagt: Woran es bei evangelisch.de liegt, da halte ich mich zurück. Fakt ist, finde ich: Es muss sich etwas ändern. Und ja, die Kirche ist im Internet noch nicht angekommen und es tut sich zu wenig zu langsam.

        

    2. Antwort auf Kommentar von Ismael:

      Ich habe den Verdacht, evangelisch.de wird von Leuten gemacht, die im Web nicht zu Hause sind. Sie wissen zwar, wie so ein Website technisch funktioniert, aber sie haben kaum Ahnung, wie sich ein Nutzer im Web bewegt. Wahrscheinlich, weil sie sich selbst zu wenig im Netz bewegen, also kaum eigene Surferfahrung haben.

      Dem muss ich aber konsequent widersprechen, gerade was „wird von Leuten gemacht, die im Web nicht zu Hause sind. “ betrifft. Entweder man kann wie Fabian Punkte aufschreiben und ausführen, was einen stört oder man kann Beleidigungen gegen Menschen ausführen und Unwahrheiten aufstellen.

      Die Punkte von Fabian die er auch aufführt kann ich zum Teil unterschreiben und auch verstehen. Vielleicht entspinnt sich durch Theopops Tweet eine Diskussion bei evangelischDE.

      Mehr möchte ich dazu nicht beitragen.

        

      1. fm schreibt:

        Diskussion wäre schön. Ich habe ja geschrieben, dass es mir darum geht, konstruktiv zu kritisieren, gerade weil eine Plattform wie evangelisch.de am Herzen liegt und ich mich dort gerne wohlfühlen würde. Mein Ton mag mitunter etwas flapsig sein, das liegt aber einfach dran, dass ich hier auf dem Blog einfach so schreibe 🙂 Und zu Ismaels Verteidigung: In seinem verlinkten Artikel geht er sehr ausführlich auf konkrete Punkte ein, die ihn stören, auch wenn der schon etwas älter ist.

          

      2. Danke für die Korrektur, Alex. 🙂

        Ich hatte den Eindruck wohlweislich als „Verdacht“ bezeichnet. Die Absicht einer Beleidigung lag mir fern. Vielleicht der einer Provokation, aber im positiven Sinne, um eine Diskussion anzuregen, an der sich freilich die Redakteure von evangelisch.de beteiligen müssten. Das hatte ich mir schon mit meinem damaligen Post erhofft. Es wäre wünschenswert, wenn die Gestalter des Portals ihre Ziele und ihre Vorstellungen über das Nutzerverhalten darlegen könnten. Nur fürchte ich, dass ich eine Debatte dazu auf dem Portal gar nicht finden würde wenn es sie denn gäbe. Falls jemand einen Link hat, wäre ich dankbar.
        Aber vielleicht tut sich ja etwas! 🙂

          

  2. Hallo Ismael,

    ich habe Deinen verlinkten Post von damals durchgelesen, ich verstehe auch den Frust. Allerdings – damals wie auch heute – die Verantwortlichen (und nicht Gestalter) des Portals werden nicht zu dem zurückkehren wie es damals zu finden war. Das wurde damals auch deutlich in der Community beschrieben und erläutert (wie ich mich richtig erinnern kann) und sollte auch nicht ständig nachgetrauert werden.

    Die Verantwortlichen haben auch nicht ihre Ziele oder Vorstellungen über das Nutzerverhalten darzulegen.

    Ich habe mich auch weiter entwickelt und trauere Vergangenem nicht hinterher. Schaut nach vorne…

      

  3. SP schreibt:

    Ich vermute, dass diese Buntheit vermutlich sowas wie „schaut her, wir Evangelischen sind bunt wie der Regenbogen, jeder ist willkommen“ bedeuten soll.

    Ich habe den Verdacht, dass dieser Gedanke der Maßstab für viele Unternehmungen der EKD ist. Das macht die Ergebnisse nicht unbedingt besser. Meine volle Unterstützung für deinen Artikel, Fabian! Jenseits von allen Inhalten – es ist eine Zumutung auf diesen Seiten unterwegs zu sein, leider.

      

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