(Bild: Matt Clare/flickr.com unter cc-by-sa 3.0)

„Hochzeit auf den ersten Blick“: Trash-TV mit Theologe

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Hauptsache verheiratet! (Bild: Matt Clare/flickr.com unter cc-by-sa 3.0)

Es ist wieder so weit: Aus den Niederungen des Trash-TV wurde eine neue Show geboren. Seit Mitte November flimmert „Hochzeit auf den ersten Blick“ im sonntäglichen Vorabend-Programm von Sat.1 in die Wohnzimmer der Nation. Das Konzept: vier „Wissenschaftler“ verkuppeln Paare, die sich dann anschließend zum Blind Date treffen. Der Haken daran ist, dass das Blind Date im Standesamt stattfindet – und die beiden sich auf der Stelle das „Ja“-Wort geben sollen. Und dann geht’s ab in die Flitterwochen. Die erste Ehe ist offenbar bereits zu Bruch gegangen und soll wieder geschieden werden.

Unter den „Wissenschaftlern“, die Sat.1 auffährt, ist auch ein (freikirchlich-charismatisch geprägter) Theologe: Martin Dreyer, seines Zeichens Gründer der Jesus Freaks und Initiator der Volxbibel. Ich finde es doch schon erstaunlich, dass es angesichts dieser provokativen Fernsehshow kaum Reaktionen von Christen – insbesondere „evangelikalen“ – gibt. Keine Petition gegen die Ausstrahlung. Keine Empörung über die „Entwertung“ der Ehe, die doch in der Diskussion um die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare regelmäßig als gesellschaftlicher Stabilitätsfaktor angeführt wird. Da ist das Geschrei immer groß. Hier aber gibt es keinen Protest – oder finde ich ihn nur nicht?  (Seitens der katholischen Kirche und der EKD kommen übrigens vereinzelt kritische Stimmen).

Ich halte es für äußerst scheinheilig, wenn manche Christen z. B. gegen die Homo-Ehe mit obigen Begründungen (oder auch mit der Bibel) argumentieren, zugleich aber bei diesem TV-Format die Klappe halten. Denn wenn etwas die Ehe entwertet, dann ist es nicht die Öffnung für homosexuelle Paare, sondern die effekthascherische, voyeuristische Aufmachung im Rahmen von „Hochzeit auf den ersten Blick“. Denn natürlich geht es nur um die Einschaltquote, und darum, dass die Zuschauer unbedingt wissen wollen, wie das „Sozialexperiment“ (das ist der Euphemismus der Macher für dieses Format) für die Beteiligten ausgeht. Im Prinzip ist das Format eine langweilige 0815-Kuppelshow, die versucht, durch einen Tabubruch Aufmerksamkeit zu erzeugen.

„Mehr als Liebe“

Aber gut, dass im deutschen Fernsehen viel Mist läuft, ist ja nichts Neues. Interessant finde ich aber schon, wie der Theologe im Team seine Beteiligung an der Show rechtfertigt. Das tut er zum Beispiel im Stern oder im pro-medienmagazin. Er argumentiert vor allem mit dem wohlbekannten „die Ehe ist ein weltlich Ding“ und damit, dass es Gott folglich nicht um die Institution der Ehe gehe: „Gott liebt die Ehe, weil er es liebt, wenn Menschen Liebe füreinander empfinden. Aber ihm geht es nicht um die Institution“, sagt Dreyer. Und (zitiert aus dem pro-Interview):

Einer der Gründe für die hohen Scheidungsraten ist doch, dass Menschen heiraten, die nicht gut genug zusammen passen. Gerade Christen heiraten oft aus moralischen Gründen. Sie wollen Sex, aber kein schlechtes Gewissen dabei haben. Und so gehen Ehen oft schmerzhaft kaputt. „Hochzeit auf den ersten Blick“ will das umdrehen und zunächst gucken, ob die Partner gut zusammenpassen. Erst dann werden sie einander vorgestellt. Ob die Beziehung dann wirklich hält, zeigt sich im Laufe der Zeit.

Was die Hochzeit „aus moralischen Gründen“ angeht, stimme ich Dreyer mit Blick auf bestimmte christliche Kreise sogar zu. Was er aber in keiner Weise erklären kann, ist die Funktion, die die Hochzeit in der Show erfüllt – außer dem Tabubruch, der dem Sender Aufmerksamkeit verschafft. Es ist doch absurd, zu suggerieren, das Problem von hohen Scheidungsraten sei zu vermeiden, indem man blind Paare verheiratet, die „theoretisch“ zueinander passen. Freilich: Zu einer Ehe gehört sicherlich mehr dazu als Liebe. Aber es gehört eben auch mehr dazu, als auf dem Papier zueinander zu passen. Was spricht also dagegen, die Paare zu verkuppeln und sie dann einfach selbst ihren weiteren Weg finden zu lassen? Ach ja: die Einschaltquote. Was für ein Schmarrn, Herr Dreyer!

Genug aufgeregt. Zu Unrecht? Was denkt ihr über das Format? Wer sich eine eigene Meinung bilden will, kann das in der Sat.1-Mediathek tun.

„Hochzeit auf den ersten Blick“: Trash-TV mit Theologe

5 Gedanken zu „„Hochzeit auf den ersten Blick“: Trash-TV mit Theologe

  1. Ich würde gewiss niemals so etwas vorschlagen. Und dass die Show Quoten erhaschen will, ist auch keine Frage für mich.
    Allerdings sollte man nicht vergessen, dass bis heute in Asien Ehen von Eltern arrangiert werden, und die haben vielleicht weniger gute Interessen als die 4 Verkuppler, die sich mit einer gewissen Menschenkenntnis an die Sache machen.
    Trotzdem ist das mehr als ein fragwürdiges Experiment. Und mit der Ehe zu experimentieren ist gewiss nicht im Sinne des Schöpfers.

      

  2. Eugen H. schreibt:

    Also ich finde nichts dabei sollen sich die Leute doch sowas angucken. Für mich ist die Ehe sowieso ein längst überholtes Familienmodell – ich finde es eher erfrischend, dass ein Theologe da mitmischt und das Bild das man sonst so von Theologen hat (verstaubte Kirchenbänke und so weiter) etwas auflockert. Hut ab!

      

  3. Ich habe mir sogar nach dem Pro-Interview die erste halbe Stunde angeschaut und gelangweilt abgeschaltet. Was für eine langweilige Sendung.
    Ich denke mir: Wer dabei mit macht, hält von der Ehe sowieso nicht viel, insofern ist es doch wurscht und wir als Kirche müssen nicht laut aufschreien. Sonst wird sie noch von anderen angeschaut…

      

    1. fm schreibt:

      Ja, das stimmt: Wer da mitmacht, hat sicher schon ein bestimmtes Bild von „Ehe“. Ich bin auch gegen einen lauten Aufschrei. Dazu ist ein solches Fernsehformat einfach den Aufwand nicht wert. Und es gibt weit wichtigere Dinge, für die man sich einsetzen sollte. Ich hab‘ mich nur gewundert, dass bei manch anderen Dingen immer sofort das große Geschrei losgeht – hier aber kaum einer was sagt. So verschwindet die Sendung einfach sang- und klanglos wieder…gut so.

        

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