Scientology – ein Selbstversuch

Hier findet ihr eine Reportage, die ich vor einiger Zeit einmal in unserem „Journal für Religion und Kultur“, ein kleines Magazin einiger Studierender in Berlin, veröffentlicht habe. Dossier-Thema des Heftes war: „InSekten: Legitime Vielfalt oder giftiger Stachel der Gesellschaft?“, den Rest des Heftes gibt es hier online abrufbar als pdf. Da gerade die Zeit für neue Beiträge knapp ist, will ich diese kurze Reportage den TheoPop-Lesern nicht vorenthalten. Die Namen habe ich selbstverständlich alle geändert.

Scientology-Zentrum in Berlin
Das Scientology-Zentrum am Ernst-Reuter Platz in Berlin. (Bild: mjaniec/flickr.com unter cc-by-sa)

Mein klappriges DDR-Fahrrad ächzt unter jedem Tritt, mit dem ich es die Straße des 17. Juni hinunterjage. Ich bin etwas nervös. Mein Ziel: Deutschlands größtes Scientology-Zentrum am Ernst-Reuter Platz in Berlin. Ich habe viel gehört und gelesen über die Organisation. Es sei gefährlich, man werde dort psychisch zerstört und finanziell ausgenommen. Ich will mir mein eigenes Bild machen. Nur zwei Dinge habe ich mir vorgenommen. Erstens: Ich schlüpfe – soweit möglich – in keine Rolle. Ich werde mich nicht als ahnungsloser Passant zeigen, sondern als der Kritiker, der ich bin. Ich will wissen, wie Scientology mich ködern will. Zweitens: Ich mache mit, so lange es kostenlos ist. Ich ahne noch nicht, dass ich letzteres nicht schaffen werde.

Seit 2007 steht das große gläserne Haus in der Otto-Suhr-Allee. Der Schriftzug „Scientology Kirche Berlin“ lädt selbstbewusst interessierte Passanten ein. Das Gebäude passt so gar nicht zu dem Bild der dunklen Psychosekte, das einem zuweilen von Medien, Aussteigern und Scientology-Kritikern vermittelt wird. Durch die Glasfront hat man freien Blick in die Büros, aus dem Erdgeschoss strahlt ein hell beleuchteter Inforaum in der Abenddämmerung nach draußen auf den Gehweg.

Eine junge Dame sitzt an der futuristischen Rezeption. Ich sage ihr, dass ich vor einigen Tagen einen Persönlichkeitstest eingeschickt und einen Termin zur Auswertung hätte. Sie bittet mich, auf einem der orangenen Kunstledersofas im Info-Raum Platz zu nehmen; ich setze mich und blicke auf einen LCD-Fernseher, auf dem ein Video das Leben des Scientology-Gründers Lafayette Ron Hubbard verherrlicht.

„Alles in Ordnung!“

Daniel ist Ende zwanzig. Er führt mich an einen Tisch im Nebenraum. Innerlich bereite ich mich auf die erschütternde Diagnose vor, von der ich so oft gelesen habe: Meine Persönlichkeit ist hinüber, nur Scientology kann mir helfen. Doch diese Diagnose kommt nicht. „Nun“, sagt Daniel, „dein Test ist sehr gut ausgefallen.“ Alle Werte seien in Ordnung – nur einer sinke minimal unter die Linie, die den „unakzeptablen Zustand“ vom Rest trennt. Er illustriert seine Worte mit einem Diagramm, das meine Persönlichkeitslinie abbildet. „Das ist aber kein allzu großes Problem.“ Ich müsse selbst entscheiden, ob ich damit zurechtkomme, sagt der Scientologe. Falls nicht, könne er etwas für mich tun. Ich schaue ihn erstaunt an. Ich bin doch hier richtig – bei Scientology, der „Psycho-Sekte“? Der Kurs, den er mir nun anbietet, kostet 45€ – für vier Tage. Das ist nicht viel. Doch ich erinnere mich an meinen Vorsatz: Kein Geld für Scientology.

Also gebe ich mich betont kritisch. Ich konfrontiere Daniel mit dem, was ich gelesen und gehört habe: Scientology wolle nur mein Geld, Aussteiger berichten von Psycho-Methoden, die Menschen kaputt machen. Und nicht zuletzt schreibt L. Ron Hubbard, dass er mit der Dianetik den „perfekten Menschen“  schaffen kann. Ein Menschenbild, das mir gehörig gegen den Strich geht. Daniel sitzt ruhig da, schaut mir die ganze Zeit in die Augen und nickt. Immer wieder fragt er nach, was genau ich kritisch fände und woher meine Kritik käme. Ruhig erklärt er mir, dass es nicht um den perfekten Menschen ginge, sondern darum, sein volles Potenzial auszuschöpfen. Und Stimmen wie „die wollen nur dein Geld“ oder der „Schwachsinn“ von den „Psycho-Methoden“ kämen von Aussteigern, die von Scientology enttäuscht wurden, weil sie andere Vorstellungen hatten. Oder sie kämen von Schulmedizinern oder Menschen, die von diesen unterstützt werden. „Denn Scientology funktioniert. Und würden alle Scientology anwenden, wäre das ein Milliardenverlust für die Schulmedizin. Deswegen wurde Scientology seit seiner Gründung bekämpft“, belehrt er mich. „Der einzige Weg, herauszufinden, ob es funktioniert, ist, es auszuprobieren.“ Er legt mir einen weiteren Flyer auf den Tisch. Einladung für eine beitragsfreie einführende Dianetik-Sitzung. Ein Schnupper-Auditing. „Wenn du Interesse hast, melde dich einfach.“  Er notiert mir seine Handynummer auf der Rückseite, bevor wir  uns verabschieden. Nun ja, denke ich. Es ist ja kostenlos.

Augen zu – und durch?

„Konferenzraum“ steht über der Tür, durch die ich bei meinem nächsten Besuch den Raum betrete. Bevor ich meine Probesitzung absolviere, bekomme ich eine kurze Video-Einführung in das System, mit dem Scientology arbeitet.

Scientology lehrt, dass alle Wahrnehmungen zu jedem beliebigen Zeitpunkt des Lebens im Gedächtnis abgespeichert werden. Ist der Mensch bei vollem Bewusstsein, übernimmt diese Aufgabe der „analytische“, also der „vernünftige“ Verstand. Steht jemand unter Drogen oder liegt etwa nach einem Fahrradunfall verletzt am Boden, ist der „reaktive“ Verstand dafür zuständig. Unbewusst werden dann Daten abgespeichert, die unser späteres Handeln negativ beeinflussen. So genannte „Engramme“. Umgangssprachlich würde man sagen: Unser Unterbewusstsein  verleitet uns dazu, in  bestimmten Situationen falsch zu handeln. Diese Engramme gilt es zu finden, um den Zustand »Clear« zu erreichen: Der tritt ein, wenn alle unbewussten Augenblicke aus dem reaktiven Verstand in den analytischen Verstand überführt sind, und uns somit nicht mehr unterbewusst beeinflussen können. Im Auditing begibt man sich zusammen mit einem geschulten Scientologen – dem Auditor – auf die Suche danach.

Silke, meine Auditorin, führt mich in den fünften Stock. Dort enden wir in einem kleinen, weißen Raum. Ein Tisch, dahinter ein Stuhl, davor ein bequemer Sessel. Ich nehme auf dem Sessel Platz. Links von mir hängt ein Zitat, rechts von mir eine Schwarzweiß-Aufnahme des Autors: L. Ron Hubbard. „Schließe die Augen“, befiehlt Silke. Ich schließe sie. „Gehe zurück zum ersten Moment in deinem Leben, an dem du Schmerz oder Trauer empfunden hast“, fährt sie fort. Ich befolge ihre Anweisung und erzähle. Ich war vielleicht sechs, meine Oma war gestorben – meine Erinnerung ist kaum mehr als ein vager Schatten. Als ich fertig bin, sagt Silke: „Gehe zum Anfang des Geschehnisses zurück und hole alle Informationen, die du kontaktieren kannst.“ Bei der vierten Wiederholung glaube ich mich zu erinnern, wie meine Mutter ins Zimmer kommt, um mir die schlechte Nachricht zu überbringen. Bei der siebten spüre ich die Hand meiner Mutter auf meinem Rücken, rieche ihr Parfum. Scheinbar endlos muss ich das „Geschehnis“ immer und immer wieder erzählen, jedes Mal ausgeschmückt mit neuen Details, die ich irgendwann selbst glaube.

Irgendwann wird mir übel. „Ich glaube ich schaff‘ das nicht“, sage ich zu Silke. „Du schaffst das“, ist ihr einziger Kommentar. Nach einem weiteren Durchgang fordert sie mich auf: „Erzähl mir das Geschehnis, von dem deine Übelkeit kommt.“ Mir fällt nichts ein. Also erzähle ich ihr von jenem Abend auf der Orchesterfreizeit vor etlichen Jahren, an dem der Wodka es zu gut mit mir meinte. Als ich fertig bin, höre ich aus einer anderen Welt die Worte: „Gehe zum Anfang des Geschehnisses zurück und hole alle Informationen, die du kontaktieren kannst.“  Ich beginne von vorn – wieder und wieder. Und es tut sich etwas: Sobald ich anfange, das „Geschehnis“ zu erzählen, meldet sich die Übelkeit in meinem Bauch. Wenn ich vom Ende erzähle, ist die Übelkeit verschwunden.

Das wiederholt sich einige Male. Als ich schließlich zum gefühlten hundertfünfzigsten Mal von vorn beginne, ist mir nichtmehr übel. Am Ende angelangt, höre ich, wie Silke sagt: „Komme jetzt in die Gegenwart.“ Ich öffne meine Augen – zweieinhalb Stunden, nachdem ich sie geschlossen habe.

Die Gegenwart trifft mich wie ein Vorschlaghammer. Es ist unglaublich hell, die weißen Wände blenden mich wie Scheinwerfer. Die Stille dröhnt in meinen Ohren. Ich brauche einige Sekunden, um das Gesicht der Scientologin scharf zu stellen. Sie starrt mich lange an. Dann fragt sie: „Und, wie geht es dir?“ „Gut“, sage ich wahrheitsgemäß – froh, die Tortur überstanden zu haben. Und ich frage mich, ob ich vor ihren Augen zusammengebrochen wäre, hätte ich ein wirklich traumatisches Erlebnis vorzuweisen gehabt.

Das Engramm ist noch da!

Im Erdgeschoss fängt mich Uwe ab, ein Scientologe in den Fünfzigern. Wir setzen uns an einen Tisch und er erkundigt sich nach meinen Erfahrungen. Als Silke ihm noch ein Dianetik-Buch, eine DVD und ein „Starter Kit“ auf den Tisch legt, spüre ich, dass der Augenblick gekommen ist, an dem ich hart bleiben muss. Sie haben den Köder ausgeworfen und ich habe angebissen. Nun wird die Angel eingeholt. Doch so einfach mache ich es ihnen nicht. „Mir ist noch ein wenig übel von der Sitzung“ meine ich. Da horcht Uwe auf: Wahrscheinlich, so sagt er, seien wir auf ein Engramm gestoßen, dass nun vollständig geklärt werden müsse. In einer zweiten Sitzung, die er mir noch kostenlos anbieten könne. Er werde mich morgen anrufen, dann könnten wir alles Weitere besprechen.

Mein klappriges DDR-Fahrrad ächzt nur leise, als ich auf dem Rückweg bin. Langsam fahre ich die Straße des 17. Juni hinunter, das Scientology-Zentrum im Rücken. Ich weiß, dass ich nicht wiederkehren werde, auch wenn die zweite Sitzung immer noch nichts kostet. Meinen zweiten Vorsatz habe ich damit gebrochen. Psychopathen sind mir nicht begegnet. Ich habe nur freundliche Scientologen getroffen, die scheinbar ernsthaft glauben, mir helfen zu können. Doch vielleicht besteht genau darin die größte Gefahr. In meiner Auditing-Sitzung habe ich nur die Oberfläche dessen abgeschabt, was die Gruppe im Verborgenen zur „Psycho-Sekte“ macht. Und ich bin froh darum. „Nein“, sage ich zu mir selbst. „Ich behalte meine Engramme.“

Scientology – ein Selbstversuch

6 Gedanken zu „Scientology – ein Selbstversuch

  1. Stefan schreibt:

    Hallo,
    die Berichte über Probeauditings decken sich überall. Aktuell lese ich das Buch der Nichte des Sektenführers und habe vieles im Internet gelesen. Als Freiheitsliebender Mensch kommt solch ein Verein für mich nicht in Frage zumal ich mit allen Religionen und allem was mir mein Leben vorschreiben will auf Kriegsfuss stehe. Auch würde ich niemals die Zeit für soetwas aufbringen zumal ich beruflich viel auf Geschäftsreisen bin und meine Freizeit sehr ausgefüllt ist mit Dingen die mir wichtig sind wie Sport und Freunde. Aber irgendwie bleibt in meinem Kopf die Frage was Menschen dazu bewegt sich voll und ganz diesem System zu verschreiben? Die sind doch nicht alle Labil oder unterbelichtet. Deshalb meine Fragen an Dich wo Du den Selbstversuch gewagt hast:
    War es in irgendeiner Weise eine Interessante Erfahrung die erahnen lässt warum sich normale Menschen dafür unterjochen lassen? Hattest Du danach das Gefühl Du hättest etwas versäumt wenn Du das zweite Gratisauditing nicht nutzt? Du hast im Auditing verständlicherweise aus Selbstschutz nicht über echte Erfahrungen gesprochen, was sicher sehr vernünftig war, hast Du das Gefühl das es bei echten Ereignissen intensiver, bzw. gefährlicher gewesen wäre weil es evtl. bei Dir doch ein Gefühl ausgelöst hätte etwas in irgendeiner Weise aufgearbeitet zu haben?

    Sorry für den langen Text, aber das interessiert mich wirklich 😉

      

  2. fm schreibt:

    Hallo Stefan! Vielen Dank für deinen langen Beitrag und die interessanten Fragen. Ich gehe es mal Frage für Frage durch, ich denke das ist am Übersichtlichsten;-)

    War es in irgendeiner Weise eine Interessante Erfahrung die erahnen lässt warum sich normale Menschen dafür unterjochen lassen?

    Eine interessante Erfahrung war es auf alle Fälle. Und was Menschen dazu bewegt, sich voll und ganz diesem System zu unterschreiben, lässt sich tatsächlich glaube ich nur erahnen – denn ich stimme dir zu: Es sind nicht alles „labile“ Menschen. Ich glaube, dass Scientology – oder auch andere solche Vereinigungen – Menschen einfache Erklärungen bieten auf Fragen und Probleme, die jeden beschäftigen (und deren Erklärungen, falls es welche gibt, leider meist weitaus komplexer sind). Das wird eingebettet in ein tolles Gemeinschaftsgefühl, dass die enorm kontaktfreudigen und freundlichen Leute nach außen hin kommunizieren (und ich will gar nicht bestreiten, dass das wirklich besteht). Ich glaube, die Suche nach Orientierung und Sinn ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft, und Scientology bündelt dieses Verlangen und füllt es mit (sehr fragwürdigem!) Inhalt. Dass viele Menschen sich auch von strengen Regeln und Vorschriften eher angezogen als abgestoßen fühlen, weil sie das selbst aus Verantwortung befreit, könnte vielleicht auch eine Rolle spielen. Letzten Endes muss ich aber klar sagen: Das sind alles nur laienhafte Vermutungen.

    Hattest Du danach das Gefühl Du hättest etwas versäumt wenn Du das zweite Gratisauditing nicht nutzt?

    Für mich persönlich: Nein. Ich fand das erste Auditing schrecklich, wäre die Erfahrung dort für mich besser gewesen, wäre ich auch noch einmal hin. (Ich habe ja ernsthaft versucht, meine Vorsätzen treu zu bleiben.)

    Du hast im Auditing verständlicherweise aus Selbstschutz nicht über echte Erfahrungen gesprochen, was sicher sehr vernünftig war, hast Du das Gefühl das es bei echten Ereignissen intensiver, bzw. gefährlicher gewesen wäre weil es evtl. bei Dir doch ein Gefühl ausgelöst hätte etwas in irgendeiner Weise aufgearbeitet zu haben?

    Ich habe echte Erfahrungen erzählt – es war vielleicht etwas missverständlich formuliert oben im Text. Aber sowohl den Tod meiner Oma als auch besagte Orchesterfreizeit gab es wirklich. Von daher war die Erfahrung schon sehr intensiv. Allerdings habe ich das Glück, dass ich sagen kann, dass mir noch nie etwas wirklich Traumatisches passiert ist. Mir ist allerdings Angst und bange bei der Vorstellung, dass jemand, dem im Leben wirklich Furchtbares widerfahren ist, vor einer Scientologin sitzt, die gerade einmal einen Wochenend-Kurs als Auditorin absolviert hat (so wie meine „Auditorin“ Silke). Das ist für langjährige Psychotherapeuten oft schon eine große Herausforderung und sicher nichts, was man „mal eben“ bewältigen könnte. Und ich persönlich halte das für völlig unverantwortlich. Zumal es dann ja auch erst losgeht – und auf Kosten solcher Leute, die tatsächlich professionelle Hilfe bräuchten, die „Gratis-Sache“ ziemlich schnell vorbei ist.

    So, ich hoffe, das hat deine Fragen etwas beantwortet. Falls nicht – frag‘ gerne nach!

      

    1. fm schreibt:

      Ich habe kein Geld ausgegeben. Diesen Vorsatz habe ich ja durchgehalten 🙂 Ich hätte nur noch kostenlos weiter machen können, wollte das aber nicht. Ich habe also den Vorsatz nicht eingehalten, solange mitzumachen, wie es kostenlos ist (denn das wäre es ja bei meinem nächsten Besuch noch weiterhin gewesen).

      LG!

        

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