Religiöse Trailerisierung

Bam! Sünde weg. Gottessohn unter uns. Gemartert, gestorben, wieder da. Sonnenaufgang. Schwarzer Bildschirm. Ich mag Trailer und Teaser. Und wer diesen Blog ab und zu liest hat das gemerkt oder kann das hier vertiefen. Ich schaue oft und gerne Trailer und Teaser. Sie gehören zu meinem YouTube-Algorithmus-Footprint wie die DNA meines Sehverhaltens.

Traileraufmerksamkeit in Coronazeiten

Trailer und Teaser entscheiden nun auch in der Corona/Post-Corona-Wendezeit offenbar noch stärker als zuvor über Gedeih und Verderb von Clickrates und Watchtime und überhaupt über die Quantifizierung von Digitalem-Kirch-Erfolg. Ich will sofort – instantaneous und wiederholbar – den Content überschauen, bevor ich wertvolle Sekunden investiere und mir das ganze Ding reinziehe. EIN gutes Bild, WENIGE wichtige Worte, KURZE Sequenzen. In der Regel sind das die besten Witze von einem ganzen langen Film, Explosionen, immer extremere Stunts, schwere Krankheiten und aber auch gleich schon der Transformations-Ausblick mit der entsprechenden hoffnungsvollen Gitarrenmusik. Der Trailer ist in der Masse an Netflix- und Amazon-refinanzierten Massenangeboten wirklich immer öfter besser als der Film. Bessere Dramaturgie. Bessere Bilder. Mehr Emotionen. Spannung. Genauso wie das beim Beginn von Religionen war und bleibt. Wenige, kompakte, intensive und emotionale Bilder und Worte reizen und kitzeln, versprechen, aber liefern noch nicht; die ganze Story ist noch nicht erzählt.

Jesustrailer Bibel

Und ich bin überzeugt, dass Trailer und Teaser eine religiöse Komponente haben. Bzw. das Religion teased und trailered, offen lässt, schnell zusammenfasst, provoziert und dann abbricht. Das Ende der Welt, der Messias ist noch nicht fertig, das letzte Kapitel noch nicht erzählt. Christlich: Das Evangelium funktioniert doch auch nicht anders als eine Vorschau. Ursprünglich wenige radikal eingedämpfte Logien-Sprüche vom Nazarener, die schlaglichtartig und explosionsartig eine neue Welt erzählen. Dann der Long Read, die Bibel, die Spin-Offs, die Filme, die Kirche, Dein und mein Leben. Wir sind der Film, das Buch, das Leben zum Jesustrailer. Oder interreligiöser, wir sind die, die den Trailer für die bessere Welt und ihr Ende gesehen haben und das jetzt ausfüllen – gespannt auf die Auflösung.

Trailerisierung praktisch

Was heißt dann Trailerisierung – praktisch? Zuerst mal lernen wir das möglichst schnell und gut für unsere Videoproduktionen, weil wir es müssen, weil der Algorithmus uns dazu zwingt – genauer aber eigentlich das aktuelle Sehverhalten. Es bedeutet auch, die Herausforderung von TikTok, noch kürzer als die Vorgängerversion Vine, produktiv einzubeziehen: Wenige Sekunden sind momentan transformativ, erfreulich, bringen positive Emotionen. Und sie werden eben gerade wiederholt angeguckt. Nicht das Viewverhalten, sondern das Re-View-Verhalten und die Snackability entscheiden.

Das heißt dann noch viel mehr und mich interessiert, was das sein wird. Die Botschaft in wenig Zeit, Bild und Ton. Schnell und on demand, völlig offen und vor allem: Mit dem Aufbau von Spannung und Unaufgelöstheit. Dann denke ich auch: Schluss mit Paraphrasieren – auch visuell und akustisch. Wenn ich schon den Trailertext in der Lesung hatte, muss ich eine Bibelgeschichte nicht nochmal genauso vertonen oder visualisieren und ihren Text 1:1 wiedergeben und parallelisieren, ohne dass ich in dem Medium, in dem ich mich bewege etwas hinzufüge, neue Szenen mache und nicht denselben Content ausbreite und erkläre. Und dann heißt es, die Dynamik des Kitzelns, des Aufschiebens, der delayed gratification als Grundpfeiler von Zivilisation auch kreativ-homiletisch und kirchenkommunikativ neu umzusetzen. Dann weiß jeder sofort bei unseren religiösen Reden: wo kribbelts, wo explodiert es, und vor allem, was hab ich davon, wenn ich tiefer einsteige?

Und das Problem ist, dieser Beitrag ist noch Fließtext und nicht Video, lang und nicht stakkato, aber es wird.

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