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Murmeltiertheologie – und täglich grüßt der Lockdown

Es ist wieder so schlimm. Ich brauche Bill Murray. Und ein Murmeltier. Ich wusste das nicht, bis mich meine GKR-Vorsitzende am Tag nach dem Hin und Her der Bund-Länder-Runde mit den episch gewordenen popkulturell verweigten Worten begrüßte: Und täglich grüßt das Murmeltier. Wie der Film von 1993.

Pop-Religion mit Nagern

Punxsutawney, Pennsylvania. Wenn das Murmeltier am 2. Februar rauskommt und seinen Schatten sieht, gibt es noch 6 Wochen Winter. 2021 war das der Fall. 15.000 Menschen haben sich das live angeschaut, über Video-Stream, nicht vor Ort. Das war seit 1887 das erste Mal der Fall. Wegen Covid-19. Eigentlich ist das ein vorgezogenes Auferstehungsfest. Aus der Höhle raus, ans Licht, der Winter ist zu Ende. Weg mit dem Schatten des Todes.

Technisch gesehen Mariae Lichtmess, Tag der Darstellung des Herrn. Tag, an dem Licht Dunkelheit überwindet. Sonnt sich der Dachs in der Lichtmesswoche, geht auf vier Wochen er wieder zu Loche. Ein deutscher Brauch, ein religiös-folkloristischer Hybrid, exportiert und popularisiert, verfilmte Winter- und Leidenserfahrung. Es ist nicht mehr Februar, aber im zähflüssigen Alltag habe ich das nicht richtig mitbekommen. Ich weiß oft nicht, welcher Tag ist

Livestream Murmeltier mit Botschaft

Dieses Jahr hatten die Menschen in Pennsylvania eine Trostbotschaft: „Die Menschen zitieren die ganze Zeit „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Es fühlt sich so an, als ob wir alle denselben Tag wieder und wieder erleben“, sagt ein Mann mit Zylinder im Live-Stream, Teil des sogenannten inner circle um das Murmeltier mit dem zeremoniellen Namen Phil, „der Murmeltiertag zeigt uns aber, dass die Monotonie gebrochen werden wird. Der Endlos-Kreislauf wird gebrochen“. Trotz noch 6 Wochen. Immer noch 6 Wochen, überall auf der Welt. Nochmal 6 Wochen einigeln und einmurmeln.

An „Und täglich grüßt das Murmeltier“ bzw. „Groundhog Day“ tröstet mich vieles, gerade jetzt an Ostern, wo wir im selben Lockdown seit Weihnachten sitzen und die Feste und Rituale wie die Tage ineinander übergehen und verschwimmen und Netflix und 90er-Nostalsgie mich bei Laune halten.

Murmeltrost

Mich tröstet Bill Murray, schon sein Gesicht, ob nun hier oder in Ghostbusters oder bei Wes Anderson oder sonstwo. Mich tröstet, was meine Gemeindekirchenratsvorsitzende dazu gesagt hat: In dem Film geht es ja darum, dass Bill Murray (bzw. auch Phil im Film) lernt und ein anderer wird. Mich tröstet der perfekte Tag, den Bill Murray über wer-weiß-wie-lange zusammenbaut. Nach Phasen der totalen Verzweiflung und des totalen Exzesses, nutzt er die Zwangsschleife, muss er sie nutzen, gibt sich da rein – in die purgatoriale TV-Wiederholung – öffnet sich für andere, lernt Klavier, zitiert Tschechov, macht Eisskulpturen und vor allem hilft er ganz vielen spontan. Mit einer ganz leichten Neunzigerjahreschmierigkeit transformiert sich der genervte, narzistische Wettermann wie die verfressene Raupe nimmersatt und kommt am Ende ganz anders aus dem Endlos-Zyklus heraus ( – hier sind keine Verweise auf lineare Heilsgeschichte versus zyklische Wiedergeburtsvorstellung notwendig – wir alle sitzen gerade eher im Zwangsrad des Schicksals, jedenfalls mehr als je zuvor).  Dann bricht es auf und das Leben geht wieder los, viel besser und Bill Murray ist glücklich. Und ich auch.

Rituelle Verschiebungen aus der Dauerschleife

Groundhog Day zeigt eine Funktion von Ritualen. Also auch vom Gottesdienst, vom Beten, vom Lesen und Meditieren und gemeinsamen Essen etc. Sie wiederholen nicht immer blind das gleiche. Sie verändern uns und sich selbst langsam, bis aus dem Zirkel etwas neues hervorbricht, mal schneller und mal langsamer. Über lange Zeit. Also: laaaange.

Jeder Versuch, billig und schnell an eine gute Beziehung zu kommen, das erwünschte Normal zu erreichen, endet damit, dass Rita ihm ins Gesicht schlägt. Wie das Schicksal. Immer und immer wieder. Bis er nicht mehr kann. Dann kommt die Selbstmordphase. Auch keine Antwort, Gott sei Dank. Dann kommt die Wahnsinnsphase „Ich bin Gott“ sagt Phil – und Rita, die Ersehnte sagt: „Glaub mir, Du bist nicht Gott, da sprechen zwölf Jahre katholische Schule aus mir.“  Zwölf Jahre Schule. Das ist Murmeltiertag. Vierzig Tage. Wüste. Garten. Höhle. Grab. Wiederholung bis es popreligiös klickt.

Tröstend ist, dass Bill Murray physikalisch mit der Situation, einer letztendlich spirituellen Anfechtunsgssituation, kämpft. Er lässt sich immer wieder schlagen, um zu sehen, ob er noch lebt. Er kriegt Fäuste und Schaufeln ab, seine eiskalte Dusche quält ihn. Exerzitien.

Murmeltiertugend

Aus dem Groundhog Day, aus der Wiederholung, der körperlichen Einschränkung, dem rituellen Lernen Tugenden entstehen, neue Covid-Tugenden, wie sie als Praxis-Theoriegebilde in der Theologie seit geraumer Zeit nicht nur katholischerseits Renaissance feiern. Der Anspruch rollt mit dem Abspann auf uns zu, der wird vielleicht auch langsam selbst ein eigenes tägliches Murmeltier ist: Dass Wiederholung und Eingrenzung Tugend fördern kann, Freundlichkeit und Geduld und Demut aus der Unfreiwilligkeit und der Selbst- und Fremdbegrenzung, aus der Zwangsritualisierung des Lebens. Auch wenn das erstmal nur heißt, Ruhe suchen und einen schon fast 40 Jahre alten (autsch) Film

Murmeltiertheologie – und täglich grüßt der Lockdown