Von der Kathedrale auf die Straße? Die Erfolgsstory des Schweigens

Auf die Frage von englischen Bekannten „Was macht ihr eigentlich in Deutschland am 11. November um 11 Uhr?“, bleibt nur das schnelle und strategische Ausweichen auf den St. Martinstag übrig: Laternen, Gebäck und Gänsebraten und so. Ehrlicher wäre zu sagen, am 11.11. um 11.11 Uhr wird sogar im Norden und Osten Deutschlands in vielen Schulen, Büros, Betrieben oder Unis alles stehen und liegen gelassen – um die Karnevalssaison einzuläuten. Und während also überall in der Bundesrepublik Korken knallen, Prinzenpaare vorgestellt und Musik gespielt wird, machen die Engländer etwas, was gegenläufiger nicht seien könnte: am 11.11. um 11 Uhr schweigen sie für zwei Minuten. In großen Städten und in vielen Einrichtungen gibt es Signale wie Sirenen oder Kanonensalven und für 120 Sekunden steht alles steht. Seit 1919 gibt es diesen kollektiven Akt der Erinnerung  am Remembrance Day oder Armistice Day für das Ende des Ersten Weltkriegs und die Opfer, die er forderte.

Die Erfolgsgeschichte dieses gemeinsamen Schweigens reicht bis zu Raoul Haspel, der  im Sommer mit „Schweigeminute“  für Wochen auf Platz 1 der österreichischen iTunes und Amazon-Musik Charts blieb und mit dem Verkauf von Stille für ein Refugee-Lager sammelt.

Für die Ursprünge der modernen Schweigeminute gibt es drei verschiedene Theorien . Nach der ersten Theorie geht die Praxis zurück auf den Bürgermeister von Capetown, der vom 14. Mai 1918 bis zum Ende der Kampfhandlungen in Südafrika am 11. November 1918 jeden Tag alle Bürgerinnen und Bürger aufforderte, für zwei Minuten zu schweigen. Ein Nachrichtenkorrespondent von Reuters beschrieb die Szene in Capetown folgendermaßen:

It was a most solemn and inspiring function, the effect was magical. There was always a great crowd in Adderly Street at midday, but the observance seems even more striking in the less frequented streets (Quelle)

Der Korrespondent soll eine umfassende Beschreibung der Ereignisse nach London geschickt haben, wo sie George V. zum Einführen der Schweigeminute am Armistice Day anregte. Von hier aus trat die Schweigeminute einen Siegeszug durch die ganze Welt an. Soweit Theorie Nummer eins.

Die zweite Theorie, die auch die Times vertritt, geht davon aus, dass der australische Journalist Edward George Honey als der Erfinder der modernen nationalen Schweigeminute zu gelten habe.  „Fünf kleine Minuten nur. Fünf Minuten der nationalen Erinnerung“, schrieb er im Mai 1919 an die London Evening News. Honey hatte als Soldat in der Britischen Armee gedient und erlebte die Feierlichkeiten des Kriegsendes als laut und turbulent. Sein Vorschlag war dagegen, die Opfer des Krieges schweigend zu erinnern.  Honeys Leserbrief liest sich folgendermaßen:

Five silent minutes of national remembrance. A very sacred intercession. Communion with the Glorious Dead who won us peace, and from communion new strength, hope, and faith in the morrow. Church services, too, if you will, but in the street, the home, the theatre, anywhere, indeed, where Englishmen and their women chance to be, surely in this five minutes of bitter-sweet silence there will be service enough. (Lichau 2013, S.82)

Folgt man dem Oxforder Geschichtwissenschaftler Adrian Gregory, ist in einer dritten Theorie der Erfinder der modernen nationalen Schweigeminute kein anderer als Sir Percy Fitzpatrick, der an das Kriegskabinett von seiner Erfahrung der Schweigeminute in Capetown berichtet:

Silence, complete and arresting, closed upon the city – the moving, awe-inspiring silence of a great Cathedral where the smallest sound must seem a sacrilege […] Only those who have felt it can understand understand the overmastering effect in action and reaction of a multitude moved suddenly to one though and one purpose. (Gregory 1994, S.9)

Jede Unterbrechung ein Sakrileg

Aber liegt nicht eigentlich eine vierte Erklärung viel näher? Honeys Leserbrief und die Erfahrungsberichte des Reuters-Korrespondenten und von Sir Fitzpatrick sind gespickt mit religiöser und quasi-religiöser Sprache (Vgl. Lichau 2013, S. 84). Ein „feierlicher“, „überwältigender“, „magischer Effekt“, schreibt der Journalist. Von einer „sehr heiligen Fürbitte“, „Gemeinschaft mit den Toten“ und „Glauben an dir Zukunft“  - vor allem aber von einem Gottesdienst, nicht mehr in der Kirche, sondern auf der Straße, zu Hause, im Theater, ist die Rede bei Honey. Fitzpatrick beschreibt das kollektive Schweigen als die Stille einer großen Kathedrale – jede Unterbrechung wird zum Sakrileg. Das Schweigen überwältigt ihn, wenn eine Vielzahl von Menschen plötzlich vereinheitlicht wird. Funktioniert dieses Schweigen, auch wenn es säkularisiert und nationalisiert wird, jeden 11. September, jedes High-School-Shooting, jeden Jom haSho’a, durch ein zutiefst religiöses – aber ‚geborgtes‘ – Gefühl?

(Bild: Ludovic Hirlimann/flickr.com unter CC-BY-SA)

(Bild: Ludovic Hirlimann/flickr.com unter CC-BY-SA)

Es liegt nahe, die Ursprünge gemeinsamen Schweigens bei den Techniken der Mönche oder dem Schweigen im Gottesdienst zu suchen. Die Quäker, früher abwertend wegen des Zitterns religiöser Erregung so genannt, haben ihr zentrales Gottesdienst-Format auf das gemeinsame Schweigen ausgerichtet. Es gibt bei ihnen keinen Plan dafür, wie der Gottesdienst ablaufen soll. Die Religiöse Gesellschaft der Freunde, wie sie auch genannt werden,  glauben, dass Gottes Geist sich durch das gemeinsame Schweigen einstellen wird. Erst dann erheben sich Menschen um zu sprechen, wenn sie spüren, dass etwas durch sie spricht, wenn sie eine innere leise Stimme wahrnehmen. Manchmal bleibt der ganze Gottesdienst still und endet mit einem Händeschütteln. Durch diese Praxis können Quäker mit Menschen zusammen Gottesdienst feiern, ohne dass eine gemeinsame Sprache notwendig wäre, ohne dass man sich auf eine Gottesvorstellung geeinigt hätte, ohne dass es Parteinahmen oder Kontroversen käme. In ihrem stillen Gottesdienst feierten die Quäker in Pennsylvania mit Native Americans, ohne dass eine Gruppe das Gefühl hätte, sich auf das religiöse System der anderen einlassen zu müssen. Und bis heute wird ihre Praxis vielfach adaptiert.

In vielen Gesellschaften hat sich das Quäker-Schweigen so weit durchgesetzt, dass sie in Schulen, Fußballstadien wie bei politischen Großveranstaltungen eingesetzt wird. Allerdings formiert sich in den U.S.A. Widerstand gegen diese Schweigeminuten, die seit der Regierungszeit Bill Clintons fester Bestandteil des Schulalltags wurden. Die Begründung ist: Die Schweigeminuten sind nichts anderes als getarnte christliche Gebete. Bleibt es dann dabei? Auch im Fußballstadium und in der Schule? Ist gemeinsames Schweigen eine unabänderlich religiöse Angelegenheit?

Wir sind noch da und wir machen weiter“

Vielleicht liegt das religiöse Erbe gemeinsamen Schweigens nicht nur im religiösen Gefühl von Ergriffenheit – das sich vielleicht gar nicht einstellen will – sondern auch darin, dass es Menschen von sich weg und auf andere ausrichtet. Es ist möglicherweise auch darin religiös, dass alle vorübergehend einander gleich werden, wie in einem Ritual, wenn sie gemeinsam stillhalten und sich auch so erleben können. Mit anderen Menschen zu schweigen fordert eine neue Orientierung, die die Aufmerksamkeit aus dem Alltag reißt und sie auf die Menschen um einen herum  richtet, die sich als im Schweigen aufeinander angewiesen finden. Gerade weil sich alle bemühen, still zu sein, hört man im Schweigen überhaupt wieder, wie sich die anderen bewegen, wie sich Menschen weiter bewegen, wie Schuhe auf dem Boden scharren, Hosenbeine rascheln oder geatmet wird – Schweigen: Verordnete Re-Orientierung auf die Mitmenschen.

Man könnte argumentieren, dass Schweigen die Laufbänder anhält und die Leistungsgesellschaft, von der Herbert Marcuse unterbricht und dafür Raum schafft für nichtalltägliche – auch religiöse – Erfahrung. Schweigen stellt nichts her, setzt nichts um, produziert nichts. Es gibt keine Akteure oder Akteurinnen. Aber produziert Schweigen wirklich nichts? Wird nicht in der säkularen Schweigeminute die siegreiche Nation gemeinsam wie ein Alltags-Theaterstück aufgeführt und neu hervorgebracht? Wird nicht in der Schule und im Fußballstadium gezeigt, dass die Gesellschaft auch bei Krisen noch intakt ist, so dass sich jeder auch davon überzeugen kann? Erschöpfen sich die Schweigeminuten im Gedenken an Opfer und Verstorbene oder geht es nicht immer auch um die Stabilisierung der Gegenwart? Um eine Bestätigung „wir sind noch da und machen weiter“?

Vielleicht ist alles dabei in der Schweigeminute: Das religiöse Gefühl, die Unterbrechung, die neue Wahrnehmung der Menschen neben und um einen herum, genauso wie die Produktion von Erinnerungen und Perspektiven für die Zukunft.  In jedem Fall stellt sie ein Format dar, dass eine Autorität aufruft, wie das religiöse Rituale auch einmal konnten und Menschen in eine gemeinsame Handlung bindet, vielleicht auch ein bisschen zwingt. Selbst Günter Jauchs Verbalzentrismus lässt sich durch einen einzelnen Aktivisten und den Aufruf des Formats Schweigeminute unterbrechen. Ein Bericht der Süddeutschen Zeitung „Unerträgliche Stille bei Jauch“, veranschaulicht abschließend, was alles zusammen kommt, wenn Schweigen in den gewohnten Ablauf einbricht:

Höppner [Initiator der Seerettungsmission für Geflüchtete Seawatch] war als Konterpart zu den Wortschwingern im Stuhlrund geladen, doch mit der Rolle des lächelnden und brav Fragen beantwortenden Gastes gab er sich nicht zufrieden. Höppner stand auf, lief aufs Podium zu und forderte mitten in der Live-Aufzeichnung eine Schweigeminute für die umgekommenen Flüchtlinge. Als der sichtlich überrumpelte Moderator ihn bremsen wollte, wurde er im eigenen Studio zurechtgewiesen: „Herr Jauch, Deutschland sollte eine Minute Zeit haben, um dieser Menschen zu gedenken.“ Danach wollte sich keiner mehr der verordneten Gedenkmaßnahme entziehen, und so herrschte Stille. 60 Sekunden lang. […] die Kamera [hält] erst auf das ungeordnet stehende Grüppchen auf dem Podium mit einem belustigt wirkenden Ex-Innenminister Friedrich und einem verlegen-freundlichen Jauch, dann auf die ordentlich aufgereihten Studiozuschauer, dann fuhr sie ganz nah heran an die ernste Miene von SZ-Journalist Heribert Prantl. Der Kameramann - und mancher Gast - wusste offenkundig nicht so recht, was er anstellen sollte mit diesen 60 Sekunden, in denen nichts passierten. So moralisch aufgeladen eine Schweigeminute ist, am Ende geht es weniger ums Nachdenken, als vielmehr ums Fühlen. Und es sind nicht mal vermeintlich edle Gefühle, die einen ergreifen können, während man schweigend dasteht. Sondern Unbehagen. Wie soll man schauen, wohin mit den Händen? Neugier. Wie verhalten sich die anderen? Wer hat feuchte Augen? Belustigung. Ist das Ganze nicht einfach nur lächerlich, all diese bedröppelt dreinschauenden Menschen um einen herum? Scham. Warum ist man nicht ergriffen, genau in diesem Moment? Hilflosigkeit. Warum kommen einem plötzlich die Tränen, genau in diesem Moment?

Ob diese gemeinsame Handlung, die aussieht als würden Menschen in einem Studio gemeinsam beten, religiös ist, sich auf Gott bezieht? Reicht es nicht, dass sie die Menschen neu aufeinander richtet? Oder gibt es da vielleicht gar keinen so großen Unterschied?

Zum Weiterlesen:

  • Aidan Gregory, The Silence of Memory. Armistice Day 1919-1946, Oxford: Oxford University Press 1994.
  • Karsten Lichau, „The moving, awe-inspiring silence“. Zum „emotionalen Potential“ der Schweigeminute, in Claudia Jarzebowski, Anne Kwaschik (Hg.), Performing Emotions, Göttingen: V&R Unipress, 69-92.
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