„Noah“ – theologischer Mumpitz?

Achtung – dieser Artikel enthält Spoiler! Wer den Film „Noah“ noch nicht gesehen hat, sei hiermit gewarnt – darauf wird in diesem Text keine Rücksicht genommen. Eine Spoiler-freie Filmkritik findet ihr hier. 

Der Bibelepos „Noah“ beeindruckt mit starken Bildern. Doch nicht nur das: Indem Regisseur Darren Aronofsky die uralte Erzählung von der Sintflut mit neuen Perspektiven und auch Fantasy-Elementen ins Kino bringt, eröffnen sich interessante Überlegungen. Mir sind beim & nach dem Schauen des Filmes einige Gedanken gekommen, die ich hier notieren möchte. Herzliche Einladung an euch alle, über die Kommentare noch mehr dazu beizutragen! Die Reihenfolge der Gedanken entspricht nicht unbedingt der Chronologie im Film (und manches ist glaube ich auch nur verständlich, wenn man den Film gesehen hat).

1. Alle müssen sterben: Noahs großes Missverständnis?

Das Familiendrama auf der Arche entfaltet sich vor allem aufgrund eines Faktors: Noah ist der festen Überzeugung, dass die gesamte Menschheit vernichtet werden soll – auch seine Familie, die seiner Meinung nach nur dazu da ist, die Tiere heil in die „neue Welt“ zu bringen. Noah handelt so, wie er handelt, weil er erkennt: Der Mensch trägt das Übel in sich, und wird auch in einer neuen Welt wieder für Zerstörung und Unheil sorgen. Diese Überzeugung bringt ihn dazu, keine Frauen für seine beiden Söhne Ham und Jafet mit aufs Schiff zu nehmen – eine künstlerische Freiheit, die für den Regisseur einen dramaturgischen Faden eröffnet, den er dann, leider zu pathetisch, weiterspinnt. 

Interessant ist, dass die Erkenntnis Noahs eigentlich eine ist, die auch biblisch belegt ist – aber nicht vor oder während, sondern erst unmittelbar nach der Sintflut in Gen 8,23. Es ist zudem  eine Erkenntnis, die Gott hat. Der Mensch ist „böse von Jugend auf“ ist das Motiv, das Aronofsky im Protagonisten Noah sozusagen vorlagert. Während im Film Noah daran verzweifelt und bis zu seinem Gespräch mit der Schwiegertochter am Ende davon ausgeht, gescheitert zu sein (weil er seine Enkelkinder nicht umgebracht hat), wird das Motiv in der Bibel anders aufgelöst. Hier ist es Gott, der sich ändert – und verspricht: Obwohl sich bei den Menschen durch die Sintflut nichts verbessert hat, wird er sie nicht mehr vernichten. 

Das „alle müssen sterben“ ist also kein Missverständnis Noahs – sondern vielmehr ein Motiv, das biblisch schon in der Erkenntnis Gottes nach der Sintflut angelegt ist. Gott erkennt (im Film: Noah erkennt), dass es nach der Sintflut wieder so sein wird wie vorher. Demnach ist der Gedanke, dass eigentlich alle Menschen hätten sterben müssen, durchaus berechtigt. Im Film siegt letztlich das Motiv der „Liebe“ (s.u.) – wie auch in der Genesis: Durch Gottes uneingeschränktes „Ja“ zur Schöpfung (Gen 8,21f).

2. Abraham meets Noah, Ila meets Sara

In der Szene, in der Noah kurz davor ist, seine beiden Enkelkinder zu töten, wird man sehr stark an die „Bindung Isaaks“ in Genesis 22 erinnert. Die Szene weist viele Ähnlichkeiten auf: Noah hebt das Messer, der Dramaturgie-Regler wird voll aufgedreht. Man wartet gewissermaßen auf ein göttliches Eingreifen (auch wenn hier ein Widder wenig helfen würde). Dieses Eingreifen kommt auch: in Noahs Innerem. Wie er später sagt, habe er in diesem Moment „nur Liebe“ gesehen. Das passt zu der Art, wie Gott auch im Rest des Films meist kommuniziert: indirekt.

Doch auch erzählerisch finden sich Parallelen zum „Fall Isaak“: Abraham ist nach Gen 22 überzeugt, in Gottes Willen zu handeln – er vertraut Gott blind. Auch Noah ist felsenfest der Überzeugung, es sei in Gottes Sinn, die beiden Kinder zu töten.  Mit der Auflösung („Ich habe in diesem Moment nur Liebe gesehen“) macht es sich das Drehbuch dann aber denkbar einfach. Denn die Erzählung der „Bindung Isaaks“, an die sich dieser Erzählstrang hier anlehnt, ist weitaus komplexer – meines Erachtens eine der  am schwersten fassbaren im Alten Testament überhaupt. Und es zeigt sich: Mit „Liebe“ allein kann man nicht alles weg-erklären, auch wenn Hollywood das manchmal gern hätte. Ist halt schön kitschig.

Auch die Unfruchtbarkeit der Adoptivtochter Ila dürfte geneigten Bibellesern als Motiv bekannt vorkommen: Unzweifelhaft wird hier mit dem Motiv der Unfruchtbarkeit von Abrahams Frau Sara gespielt. Was sich für Abraham und Sara aber von Beginn an als Segen herausstellt, ist in der Film-Dramaturgie zunächst eine Katastrophe. Letztlich löst sich diese jedoch auf (richtig: in Liebe!) – und: Auch hier ist nicht Gott unmittelbar am Werk, sondern die „Magie“ durch den Großvater Noahs, Metusaleh. Was doch im Film-Plot nicht ganz durchdacht scheint: Wenn Noah solch ein großes Gottvertrauen hat, warum sieht er die Heilung Ilas dann nicht als Zeichen Gottes, dass es doch weitergehen soll mit der Menschheit?

3. Noah = Gott?

Ganz deutlich wird die grundlegend andere Erzählperspektive des Films – schon im Titel. Es geht um Noah. Er ist Protagonist, er ist Dreh- und Angelpunkt des dramaturgischen Plots. Sein Innenleben, seine Verzweiflung, seine Konflikte werden in dem Film thematisiert. Die Bibel hingegen hat eine ganz andere Perspektive. In der biblischen Erzählung geht es nicht primär um Noah – ihr Fokus liegt auf Gott (siehe auch 1.).

Besonders radikal setzt der Film diesen Perspektivwechsel dort um, wo Noah plötzlich Segenshandlungen übernimmt, die eigentlich – in der Genesiserzählung – von Gott kommen. Konkret: der Film endet mit dem „Noahbund“, der allerdings mit dem biblischen Noahbund nichts mehr gemein hat (das ist eine Feststellung, keine Wertung!). In Gen 9,1 spricht Gott zu Noah und seinen Söhnen „seid fruchtbar und mehret euch“, ein Satz, den Noah nun in  einer Segenshandlung an seine Söhne weitergibt. Zudem steht diese Handlung durch die filmische Erzählung in einem ganz anderen Kontext als im „Original“. Wo dieser Noahbund genau den bedingungslosen (ergo: einseitigen!) Bundesschluss Gottes mit seiner Schöpfung darstellt, wirkt es im Film eher wie ein Versöhnen Noahs mit seinen Nachkommen, die er zuvor fast getötet hätte. Das passt zum restlichen Film: Gott handelt zwar, aber er spricht nicht direkt. Die Entscheidungen bleiben letztlich Noahs.

4. Lückenfüller mit Lücke

Ganz besonders interessant ist „Noah“ dort, wo Freiräume interpretiert werden, die die biblischen Autoren offen lassen. Vor allem bei der Frage: Was ist mit den anderen Menschen? Wie reagieren sie auf Noah, als er die Arche baut? Auch als die Arche schließlich im Wasser treibt, an Berggipfeln vorbei, auf denen sich Menschenberge tümmeln, die um Rettung flehen: In dieser ganzen Dramatik führt der Film dem Zuschauer – wenn auch nur kurz – diesen Aspekt der Erzählung vor Augen. Er zeigt, was Zerstörung heißt – im Buch Genesis wird dies gerade einmal mit drei nüchternen Versen abgehandelt (Gen 7,21-23).

Diese Spannung kann der Film aber nicht auflösen – anders als die biblische Erzählung. Wie schon geschrieben: Der Fokus der Sintflut-Erzählung liegt auf Gott. Und somit auf dem Wandel, den er durchläuft: Die Menschen haben sich nicht verändert, aber Gott. Da dieses Motiv im Film vollkommen fehlt, endet er letztlich in einem Kreislauf. Auch im Film wird klar, dass sich die Menschen nicht verändert haben (Noahs Erkenntnis, s.o.) – der Spannungsbogen kann also nicht gänzlich aufgelöst werden. Die Menschen bleiben auch in der neuen Welt schlecht, und deshalb ist eine erneute Vernichtung nicht ausgeschlossen – weil der Fokus eben nicht auf dem Wandel liegt, den Gott durchmacht. Der Zuschauer vergisst diese Schlechtigkeit der Menschen am Ende des Films. Denn da ist ja, wie bei Hollywood-Filmen üblich, alles Friede, Freude, Eierkuchen. Und Liebe.

„Noah“ – theologischer Mumpitz?

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