So sieht die Gaudi aus. (Bild: On the Go Tours/flickr unter CC-BY-SA)

Hauptsache Holi

(Bild: orangejon/flickr.com unter CC-BY-SA)
Die Bäume bei den Festivals sind pompös geschmückt. (Bild: orangejon/flickr.com unter CC-BY-SA)

In Indien gibt es seit gut einem Jahr eine Firma, die mit der Veranstaltung von „Holy Night-Festivals“ durch das Land tourt. Die Events finden ganzjährig statt, meist auf Festgeländen in großen Städten wie Delhi, Mumbai, Hyderabad, Jaipur oder Bangalore. Offenbar haben die Initatoren eine Marktlücke entdeckt: Zu Tausenden besuchen vor allem junge Inder die Massenveranstaltungen. Mehrere pompös gestaltete Weihnachtsbäume zieren das Festgelände, Lametta darf in Indien natürlich nicht fehlen, erst recht nicht die freudig glitzernden Christbaumkugeln, die zu Dutzenden jeden einzelnen Baum schmücken.  Und mit den Tickets (die übrigens gar nicht so billig sind), bekommt jeder Besucher drei Weihrauch-Stäbchen und eine Tüte voll mit goldenem Konfetti.

Und dann beginnt der Spaß. Auf Kommando werden die Tüten in die Luft gehalten, es wird von zehn auf null heruntergezählt, und dann geht es los: Das goldene Konfetti fliegt in die Luft, und dann wird zu indischer Pop-Musik ekstatisch getanzt (zum Beispiel von der Band King G Mall, oder auch indische Pop-Versionen diverser Weihnachtslieder. Beides überaus hörenswert!) . „Es ist eine riesige Party! Und wir bringen ein Teil der christlichen Kultur nach Indien: Gott wurde Mensch, ein Grund zur Freude!“, das zumindest sagt einer der Veranstalter. Der Abschluss des Festes ist dann wieder etwas besinnlicher, die Weihrauch-Stäbchen werden angezündet, man wünscht sich gegenseitig „Merry Christmas“. Und dann gehen alle friedlich auseinander.

Holi Phagwa oder Holy Night?

Also gut – Satire-Modus aus. Natürlich gibt es solche Veranstaltungen nicht. Zumindest nicht in der Form, in der ich es oben geschildert habe. Wohl aber gibt es in Deutschland (wie auch weltweit) Veranstaltungen, die – freilich andersherum – genau so funktionieren: Da treffen sich Tausende Menschen, um sich unter dem Titel „Holi Festival of Colours“ zu Party-Musik gegenseitig mit Farbbeuteln zu bewerfen (Infos zu der Veranstaltung: holifestival.com).

So sieht die Gaudi aus. (Bild: On the Go Tours/flickr unter CC-BY-SA)
So sieht die Gaudi aus. (Bild: On the Go Tours/flickr unter CC-BY-SA)

Der Clou: Das „Fest der Farben“, Holi, ist eigentlich ein hinduistisches Fest, dass einmal im Jahr für mehrere Tage  in ganz Indien gefeiert wird (mehr Infos dazu z. B. hier oder bei rpi-virtuell). Es gilt als eines der ältesten Feste in Indien, man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass es in der dortigen (religiösen) Kultur zutiefst verwurzelt und verankert ist. Auf der Webseite der Veranstalter, die mit dem Festival durch Deutschland touren, kann man folgendes lesen:

Unterschiede zwischen Kasten, Religion oder Herkunft sind dann nicht mehr sichtbar; gesellschaftliche Grenzen zwischen den sozialen Schichten, Jung und Alt, Arm und Reich verschwimmen. An diesem einen Tag sind alle Menschen gleich. Kulturelle Vielfalt, Freude, gegenseitiger Respekt und Toleranz machen das Holi-Fest jedes Jahr unvergesslich. Das Festival Of Colours greift die Stimmung dieser indischen Tradition auf und bringt das Kultur-Fest nach Europa.

Hier findet also eine zutiefst religiös verwurzelte indische Tradition Eingang in die deutsche Pop- und Partykultur. Dass das zunächst zumindest befremdlich wirken sollte, habe ich versucht, durch die beiden Einleitungsabsätze zu verdeutlichen. Denn so eine Übertragung ist notgedrungen begleitet von einer Dekontextualisierung. Und sicher ist es deswegen auch nicht ganz abwegig, von einer Art „Cherry Picking“ zu sprechen: Man sucht sich die „Rosinen“ fremder Kulturen und Religionen heraus, überlegt, was in Westeuropa kommerziell gut vermarktet werden kann – und dann geht’s auf Tour (Tipp: Ausgelassen feiern geht immer!). Am besten rechtfertigt man das Ganze noch mit der doch eigentlich guten Botschaft von gegenseitigem Respekt, Toleranz und kultureller Vielfalt. Nur dass man das in dem Kontext nicht so wirklich ernst nehmen kann.

Party ohne Sinn?

Doch mit Schlechtreden ist es natürlich nicht getan, und meines Erachtens ist das auch nicht angebracht – trotz berechtigter Kritik, die man zumindest im Hinterkopf haben sollte. Andererseits bieten sich nämlich tatsächlich Punkte, zum Beispiel in der Gemeinde oder im Religions- und Konfirmandenunterricht konstruktiv mit einem solchen Phänomen umzugehen. Denn sicher ist: Sobald die Deutschland-Tour in der Nähe halt macht, wird darüber gesprochen, einige gehen vielleicht sogar hin.  Die möglichen Anknüpfungen liegen auf der Hand: Was hat es mit diesem Fest auf sich? Welche anderen Feste werden denn dort gefeiert – und warum? Was glauben Hindus überhaupt? Gibt es überhaupt den Hinduismus? Und vielleicht auch: wie würde es sich für uns anfühlen, wenn die ersten beiden Absätze dieses Artikels tatsächlich wahr wären?

Die Dekontextualisierung, die die Veranstalter mit dem „Holi Festival of Colours“ vornehmen, kann also eine Chance sein. Eine Chance, über Religion zu reden. Über Tradition und Kultur. Dann – und nur dann – werden tatsächlich „kulturelle Vielfalt, Freude, gegenseitiger Respekt und Toleranz“ vermittelt. Denn wenn der reflektierte Umgang mit dem  „Holi Festival of Colours“ fehlt, ist es letztlich nur eines: eine große Party.

 

Hier ein Video von des Holi-Festivals in Berlin:

Hauptsache Holi

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