Baumgartners Sprung aus der StratosphäreBaumgartners Sprung aus der Stratosphäre

Baumgartner, der Grenzgänger

Baumgartners Sprung aus der Stratosphäre.
Baumgartners Sprung aus der Stratosphäre. (Bild: cattias.photos/flickr.com)

Am vergangenen Sonntag springt ein Österreicher aus der Stratosphäre. Und die ganze Welt schaut zu, wie der Extremsportler Felix Baumgartner in 39 Kilometer Höhe aus einer kleinen Kapsel steigt und sich einfach fallen lässt. Für die einen war es die größte (und teuerste) Werbeaktion, die die Welt seit langem gesehen hat. Für die anderen war es ein Projekt, dass die Wissenschaft voranbringen wird. Und für wieder andere ist der Mann wahlweise durchgeknallt, lebensmüde oder todesmutig. Eines muss man jedoch festhalten, was auch immer man davon halten mag: offenbar sind viele Menschen von Baumgartners Aktion fasziniert. Auch ich saß gebannt vor’m Flimmerkasten und habe mir das Spektakel angeschaut.

Doch was ist daran so faszinierend? Ist es die Tatsache, dass ein Mensch über sich hinauswächst? Ist es die Sensationsgier, dabei zuzuschauen, wie jemand sein Leben auf’s Spiel setzt? In der Internet-Community der Wochenzeitung „derFreitag“ findet sich ein lesenswerter Blogbeitrag des Bloggers snow_in_june, der sich mit der transzendenten Dimension des Sprunges von Felix Baumgartner befasst (hier). Der Autor schreibt dort:

Mit seiner Leistung hat Felix Baumgartner bei den Menschen daher möglicherweise eine Sehnsucht nach Entgrenzung angesprochen, eine Sehnsucht, welche die Religion nicht mehr befriedigt, eine Sehnsucht, die man auch hinter der Sexualität, hinter dem Drogenrausch, hinter der Meditation vermuten kann.

Unabhängig von der Frage, was genau die Menschen an eine solchen Aktion fasziniert, lässt sich tatsächlich eine transzendente Ebene – eine „Sehnsucht nach Entgrenzung“ – feststellen. Und wenn Extremsportler über sich hinauswachsen, ihre Grenzen immer wieder ausreizen (und auch übertreten), so lässt sich das nicht nur mit der „Suche nach dem Kick“ erklären. Denn den könnte man sich holen, ohne sein Leben auf’s Spiel setzen zu müssen.

Fragwürdig ist nur, ob tatsächlich die Religion eine solche Entgrenzungs-Sehnsucht nicht mehr befriedigt, wie das obige Zitat behauptet. Schließlich ist  zum Beispiel gerade die Meditation eine zutiefst religiös verwurzelte Praxis. Nur wird sie heute von vielen – gewissermaßen zweckentfremdet – losgelöst von deren ursprünglichem Kontext angewandt. Im eigentlichen Sinne ist es also gerade am Beispiel der Meditation die Religion, die die Sehnsucht nach Transzendenz befriedigt. Nur fehlt das Bewusstsein dafür. Man müsste also eigentlich eher fragen, warum (explizit) religiöse Angebote in der Wahrnehmung vieler Menschen anscheinend nicht mehr dazu taugen, dieses Bedürfnis zu stillen.

Die letzten Worte

Als Baumgartner oben auf der kleinen Rampe stand, zum Absprung bereit, durften natürlich die „letzten Worte“ nicht fehlen. Die schlechte Funkverbindung sorgte jedoch dafür, dass sie – anders als der Sportler selbst – den 39 Kilometer langen Weg zur Erde nicht problemlos überstanden. Es waren nur Bruchstücke zu verstehen. Später verriet er allerdings, was er der Welt mitgeteilt hat:

„Die ganze Welt sieht zu und ich wünschte, sie würden sehen was ich sehe – man muss hierherkommen, um zu erfahren, wie klein man ist. Jetzt komm ich nach Hause.“

Solche „letzten Worte“ haben immer ein besonderes Gewicht, nicht erst seit Armstrongs Schritt für die Menschheit. Und man kann davon ausgehen, dass sich jemand, der sich vor einem Millionenpublikum weiß, nicht erst in letzter Sekunde überlegt, was er der Welt in diesem Moment mitteilen möchte. Doch um wirklich zu verstehen, was Baumgartner sagt, müsste man ihn persönlich kennen. Denn auch seine „letzten Worte“ weisen unter Umständen auf etwas Höheres hin: „Ich bin so klein.“ Aber das ist keine Sache, die man erst realisiert, wenn man aus der Stratosphäre auf die USA blickt.

 

Baumgartner, der Grenzgänger

2 Gedanken zu „Baumgartner, der Grenzgänger

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