Im Küchenregal gefunden: Einen neutralisierten Strichcode bei einem Tee der Firma "Sonnentor". (Bild: fm/Theopop)

Der Kampf des Kreuzes – gegen Strichcodes

Im Küchenregal gefunden: Einen neutralisierten Strichcode bei einem Tee der Firma "Sonnentor". (Bild: fm/Theopop)
Im Küchenregal gefunden: Den neutralisierten Strichcode bei einem Tee der Firma „Sonnentor“. (Bild: fm/Theopop)

Verschwörungstheorien haben im Internet-Zeitalter Hochkonjunktur. Und es wäre durchaus einmal einen eigenen Beitrag wert, sich solche Theorien genauer anzuschauen – denn schon auf den ersten Blick sind da religiöse Züge erkennbar: Eine kleine Gruppe Eingeweihter kennt die „Wahrheit“, die aber von Ungläubigen bekämpft wird. Rationale Argumente werden nicht zugelassen, sondern im Gegenteil als geradezu satanischer Versuch gedeutet, die Wahrheit zu verschleiern und die Menschheit zu täuschen.

Eine – besonders amüsante – Verschwörungstheorie ist diejenige über die Schädlichkeit von Barcodes. Wo genau das seinen Ursprung hat, verschleiern die Weiten des World-Wide Web. Die Seite der Stiftung Warentest hält aber fest:

In Internetforen kursiert das Gerücht, Barcodes auf Lebens­mittel­verpackungen seien gefähr­lich: Die schwarzen, senkrechten Striche sollen wie eine Antenne wirken. Diese Antenne lade das Produkt mit negativer Energie auf – und dies schade der Gesundheit. Besonders schlimm sei die Strahlung an der Kasse: Wird das Produkt über den Lasers­canner gezogen, soll sich die negative Energie angeblich noch verstärken.

Das führt sogar soweit, dass einige Hersteller inzwischen „Entstörungslinien“ auf Barcodes drucken, um verängstigte Kunden zu beruhigen: Sonnentor oder der Hersteller des Rotbäckchen-Safts zum Beispiel. Dabei wird der Barcode durch eine waagerechte Linie „neutralisiert“ (siehe Bild). Sonnentor hat eigens dazu sogar eine Pressemitteilung verfasst. Darin heißt es:

Wir entstören als besonderen Kundenservice die EAN-Codes auf den Produktpackungen unseres Sortiments mit einem Querstrich.

Das Unternehmen betont in der Mitteilung auch, dass es der angeblichen Wirkung der Barcodes „neutral gegenüberstehe“ und „keine Ängste schüren“ wolle. Man bleibt etwas ratlos zurück: Was nun – schwarz oder weiß? Natürlich ist solches Wischiwaschi-Gerede der einfachste Weg, solchen Ängsten der Kundschaft zu begegnen. Und es passt auch zu der Firma, die entsprechend angehauchte Kundschaft binden  will. Ferner  ist auch nicht auszuschließen, dass es auch bei Sonnentor selbst Sympathisanten dieser vermeintlichen Barcode-Verschwörung gibt. Offiziell bleibt man jedoch „neutral“, um nicht für verrückt gehalten zu werden. Was soll man dazu sagen? [Update 16.33 Uhr: Im Juli 2013 hat Sonnentor einen Rückzieher gemacht und die „Entstörung“ aufgegeben. Siehe Kommentare zu diesem Artikel.] [Update 9.April 2014: Offenbar gibt Sonnentor aber weiterhin Tipps an besorgte Händler, wie man die Codes entstören kann. Siehe hier.]

Entweder Jesus oder der Hildegard-Orgonakkumulator

Doch nicht nur neutralisierende Querstriche sollen gegen die schädliche Strahlung helfen. Anhänger der Sekte „Fiat Lux“ wollen auf Nummer sicher gehen, und haben deshalb eine ganz spezielle Abwehr entwickelt. Welche, erklärt die nette junge Dame in dem folgenden kurzen Video:

Das Kreuz „gegen die Wirksamkeit des von Menschengeist kreierten Strichcodes“. Wenn ich mir dieses Video anschaue, fallen mir spontan noch andere Dinge ein, die ich gerne überkleben würde. 

Vollends den Rest gab mir schließlich die unten verlinkte kurze Spiegel-TV Reportage. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass diese Barcode-Geschichte auch eine riesige Geldmaschine ist. Wäre es nicht so traurig, könnte man herzlich drüber lachen (gut, kann man vielleicht trotzdem): Es gibt sogenannte „Hildegard-Orgonakkumulatoren“, mit denen man Lebensmittel wieder energetisieren kann, die (u. a.) aufgrund des Barcodes eine schlechte Strahlung haben. Schon für schlappe 1250 Euro (!) kann man sich so ein Teil bei Amazon bestellen. Und was mich doch ein wenig schockiert hat: Über 170 Leute haben dies bereits getan, glaubt man den Bewertungen in dem Online-Shop. [Update: Das stimmt so nicht, die Rezensenten haben das Teil offenbar nicht gekauft, schaut man sich die Bewertungen gründlich an. Es ist aber sehr amüsant. Vgl. Kommentare] 

Der Kampf des Kreuzes – gegen Strichcodes

10 Gedanken zu „Der Kampf des Kreuzes – gegen Strichcodes

  1. Sonnetor ist inzwischen schon lange zurückgerudert:
    http://www.biorama.at/barcode-entstorung-ein-strich-durch-die-striche/

    Die wollten vermutlich wirklich nur ihren Kunden gefallen und als sie festegestellt haben, dass die meisten Kunden so etwas gar nicht wünschen, haben sie es wieder abgeschafft.

    Zu den eigentlichen technischen Hintergründen habe ich mal einiges hier zusammen geschrieben:
    http://www.etikettenwissen.de/wiki/Strichcode-Verschw%C3%B6rung

    Ist schon interessant das diese „Theorie“ in wirklich jedem einzigen Punkt in sich zusammen fällt.

      

    1. fm schreibt:

      Danke für den Hinweis auf Sonnentor! Vernünftig, dass sie inzwischen einen Rückzieher gemacht haben. Der Tee in unserem Regal war wohl schon etwas älter 😉

      Und mich hätte es ehrlich gesagt schwer gewundert, wenn irgendetwas dieser Theorie auch nur ansatzweise haltbar wäre…

        

      1. Naja, es wäre ja zumindest möglich gewesen, dass jeder Strichcode eine „666“ enthält. (ganz unabhängig davon, wie egal das wäre). Aber selbst das ist ja vollkommen Falsch.

          

  2. uta schreibt:

    hehe, ich wage zu bezweifeln, dass die amazon-Rezensenten den Orgonakkumulator gekauft haben, wenn man mal die Beiträge liest…. 😉 Aber einen Markt dafür gibt es bestimmt!

      

    1. fm schreibt:

      Oh ja, danke für den Hinweis. So ist’s wenn man nicht gründlich schaut. Aber viele Bewertungen sind sehr lesenswert 🙂 Vermutlich werden solche Dinge auch eher auf irgendwelchen Esoterik – Messen vertickt, wenn man die Leute persönlich manipulieren kann…

        

  3. Es ist dermaßen albern, dass man eigentlich lachen müsste!

    Das Traurige ist nur, dass wirklich Menschen so abergläubisch sind und sich durch solchen Firlefanz ängstigen lassen. Dabei gibt es genügend wirkliche Probleme, um die man sich Gedanken machen sollte.

      

  4. Ach siehst, vom Hildegard-Orgonakkumulator hab ich auch einmal ein Buch in der Hand gehabt …
    Wow, hätte nicht gedacht, dass Gehirnwäsche auch mit geschriebenen Worten geht.

    Aber so etwas wird in der Schule ja nicht gelehrt (mal abgesehen von einer Sportpalastrede …)

      

  5. So lächerlich ich die Strichcode-Verschwörung auch finde: Der Beitrag bei Spiegel TV hat mich dazu gebracht, meinen eigenen Strichcode-Konsum zu überdenken. Ich habe mich gefragt, was sich ändern würde wenn ich nur noch Artikel ohne Strichcode einkaufen würde:
    – ich könnte nicht mehr im Supermarkt einkaufen
    – müsste bei kleinen, regionalen Produzenten einkaufen
    – hätte deutlich weniger Plastik-Verpackungsmüll
    Der Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen und deshalb Verzichte ich in der aktuellen Fastenzeit auf alle Lebensmittel mit Strichcodes. Das ist eine wirklich spannend Erfahrung! Was ich dabei alles Erlebe und welche Erkenntnisse ich dabei gewinne berichte ich in meinem Blog http://www.strichcode-fasten.de

      

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.