Die „Elfenexpertin“ von der A2

Die Landesstraßenbaubehörde Hannover hat zwei esoterische Quacksalberinnen auf eine Fahrt zu den Elfen und Geisterwesen entlang der chronisch von schweren Unfällen betroffenen A2 mitgenommen, während der die Damen besonders betroffene Streckenabschnitte „energetisch versiegelten“.

Diese Meldung, nebst lustigen Zitaten der Esoterikerinnen, wurde von zahlreichen Medien aufgenommen: Von sowas hört man ja nicht alle Tage! Natürlich dient solche Berichterstattung dazu, bei den Leser_innen Spott über die Beteiligten auszulösen, oder zumindest ein Kopfschütteln („Was es nicht alles gibt?!“) zu provozieren. Doch fällt auf: Die Damen werden mit ihrem Anliegen bestürzend ernst genommen. Nicht nur die Landesstraßenbaubehörde konnte dem Anliegen etwas abgewinnen, sondern Journalist_innen arbeiteten das Geschehen von einem nur vermeintlich neutralen Standpunkt aus auf.

Bahn frei für die „spirituellen Streetworkerinnen“

Was als skurrile Meldung durch den Blätterwald rauschte, hat einen ernsten Hintergrund, wie der Experte für Sektenfragen Hugo Stamm (@HugoStamm) im Sektenblog auf watson.ch erklärt:

„Wir wissen inzwischen, dass es unzählige spirituelle Sucher gibt, die in ihrer sektenhaften Verblendung den Realitätsbezug verloren haben. Wenn aber Sicherheitsbehörden, die mit wissenschaftlichen Untersuchungen und baulichen Maßnahmen Unfälle verhindern sollten, auf Elfenexpertinnen bauen, geht die Vernunft den Bach runter. Dann benebelt magisches Denken den Verstand, und die neue Zivilisationskrankheit Aberglaube prägt das kollektive Bewusstsein.“

Den inzwischen vielfach beschriebenen Zusammenhang von Esoterik, Verschwörungsglaube und Selbstradikalisierung hatte der Chef der Landesstraßenbaubehörde, Friedhelm Fischer, leider nicht reflektiert, als er den beiden „spirituellen Streetworkerinnen“ den Weg frei machte (aus der Hannoverschen Allgemeinen):

„Wir sind eine offene Behörde, die allen Bürgern gerecht werden möchte und viele Aktivitäten unterstützt“, erklärt er diplomatisch. Er selbst sei ja eher ein wissenschaftlich-skeptischer Typ, sagt der Behördenchef: „Ich könnte so etwas nicht, aber wenn die Frauen glauben, mit ihren Kräften etwas bewirken zu können, unterstützen wir das.“

Außer einer erheblichen Werbewirkung für die geschäftstüchtigen Scharlataninnen – auch dank der sensationellen Berichterstattung – dürfte die kleine Ausfahrt vor Ort leider nichts bewirkt haben. Auf der Strecke ist es (natürlich!) schon wieder zu einem schweren Unfall gekommen.

Falsch verstandene Toleranz gegenüber jedwedem Bullshit aber hat durchaus Wirkung: Sie verschiebt die Grenzen des nutzbaren Debattenraums so weit nach außen, dass noch jeder Mist als diskussionswürdig und berichtenswert erscheint. Eine abergläubische Gesellschaft kann kein Vertrauen mehr fassen und sich nicht auf sinnvolle Maßnahmen verständigen, die aus dem Boden der Vernunft sprießen.

„Bullshit!“

Die „Elfenexpertin im Einsatz“ ist auch darum ein hervorragendes Beispiel für den Bullshit, der zurzeit so allgegenwärtig ventiliert wird, weil der Fall auf eine bestimmte Eigenschaft des Bullshit aufmerksam macht. Harry G. Frankfurt schreibt in seinem Essay „On Bullshit“:

„It is just this lack of connection to a concern with truth – this indifference to how things really are – that I regard as of the essence of bullshit.“ (Frankfurt, On Bullshit, p. 33)

Den beiden Esoterikerinnen darf man unterstellen, dass sie an den von ihnen verbreiteten Blödsinn glauben. Dass Beamt_innen und Journalist_innen darauf anspringen und eben nicht klar „Bullshit!“ rufen, sondern ihn durch eine dem Anschein nach unparteiische Berichterstattung aufwerten, woran liegt das? Laut Frankfurt daran, dass die Wahrheit ihnen scheinbar gar nicht mehr von Belang ist.

Das aber ist ein falsches und gefährliches Verständnis von Neutralität. Staatliches Handeln und journalistische Berichterstattung müssen sich an beweisbaren Tatsachen und nachprüfbaren Fakten orientieren. Nicht nur Behördenchef Fischer entzieht sich der Frage nach der Wahrheit, indem er sie in Richtung der Authentizität der „Elfenexpertin“ auflöst. Entscheidend ist demnach nicht, was wahr ist, sondern wozu sie als Person stehen kann. Frankfurt meint darum, dass Authentizität an sich Bullshit sei. Das ist überlegenswert: Wenn sich jeder in der Öffentlichkeit unwidersprochen auf seine eigene persönliche Wahrheit berufen und auf das eigene Empfinden zurückziehen kann, verlassen wir den Raum des gemeinsamen Gesprächs.

Vergnügliches Einvernehmen

Solche Neutralität ist gerade nicht neutral, weil Journalist_innen und auch Leser_innen sich dadurch doch mit dem Bullshit gemein machen. Zumindest tritt wohl eine unheimliche Gewöhnung ein. Ein Effekt, der natürlich besonders prominent an den Äußerungen des gegenwärtigen Präsidenten der USA beobachtet werden kann.

Aus der „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno stammt die Warnung: „Vernügtsein heißt Einverstandensein“. Der Fall der „Elfenexpertin“ von der A2 mag Anlass zu Spott und Häme geben, und manch wackeliger Geist hat nun von zwei Damen gehört, an die er sich mit seinen Geister- und Gnomenproblemen wenden kann. Zum Schmunzeln aber ist das schon lange nicht mehr.

Theopop – Gastautor Philipp Greifenstein ist Gründer und Redakteur des Magazins für Kirche, Politik und Kultur DIE EULE. Twitter: @rockToamna

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Die „Elfenexpertin“ von der A2

5 Gedanken zu „Die „Elfenexpertin“ von der A2

  1. Viramo schreibt:

    In Island z.B. wird so etwas absolut ernst genommen. Ob die Elfenbeauftragte tatsächlich etwas bewirken kann, mag bezweifelt werden.
    Allerdings: In diesem Zusammenhang Begriffe wie esoterische Quacksalberinnen zu verwenden ist Gossensprache primitivsten Niveaus.
    So einen Dreck bin ich von TheoPop nicht gewohnt.

      

    1. Nun ja, ihr Kommentar ist sprachlich nun auch nicht besser. Ich finde es legitim, in einem Beitrag, in dem der Autor mienungsstark kommentiert, auch deutliche Worte zu verwenden (und ehrlich gesagt verstehe ich das Problem mit der von Ihnen genannten Bezeichnung in diesem Kontext nicht). Deshalb gleich den ganzen Beitrag als „Dreck“ zu bezeichnen – das ist für mich Gossensprache untersten Niveaus.

        

      1. dierk schäfer schreibt:

        Der Begriff ist völlig angemessen. Quacksalber ist ein volkstümlicher Ausdruck für jemanden, der ohne die nötige Qualifikation und Befugnis die Heilkunde ausübt, das heißt einen Pfuscher (bzw. Medikaster)[1] oder Kurpfuscher;[2][3] auch jemanden mit dubiosen Heilmitteln und -methoden.[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Quacksalber

          

    2. Schön, dass Sie Island ansprechen. Das habe ich mir im Artikel verkniffen. Aber trotz aller Island-Begeisterung, die derzeit so angesagt ist: Elfen gibt es auch in Island nicht. Und was dort als traditionelle Folklore vielleicht noch akzeptiert und Touristen als Kuriosum hingehalten wird, das muss mit dieser Begründung anderswo noch längst nicht akzeptiert werden. Viele Chinesen glauben daran, dass Haifischflossensuppe die Potenz steigert. Auch das soll vor allem den Verkauf fördern. Trotzdem fangen Europäer jetzt nicht an Mengen von Haifischflossen zu importieren.

      Dierk Schäfer hat auf konkrete Gefahren hingewiesen und auch darauf, dass die Polizei bisher auf „Hellseher“ gut verzichten konnte. Wenn das Straßenbauamt tatsächlich für alle Bürgerinnen etwas tun will, dann kommt es um handfeste Maßnahmen nicht drum herum.

      Ein Quacksalber ist im Übrigen genau das, was die „Expertin“ darzustellen versucht, nämlich jemand, der mit obskuren Mitteln zu heilen versucht. Erklären kann die gute Frau ihr Handeln selbstverständlich nicht, will es zum Schutz ihres Geschäftsmodells auch nicht. Und da fängt die Fuscherei an: Die Frage nach der Wirksamkeit von Mitteln ist in der Medizin, bei der Strafverfolgung und auch im Straßenbau erlaubt.

        

  2. Auch ich habe die Meldung zunächst nur für ein Kuriosum gehalten. Selbstverständlich wird die Straße durch Hokuspokus nicht sicherer – aber auch nicht unsicherer. Engelsfrauen können in anderen Bereichen jedoch echt Schaden anrichten. Ein mir bekannter promovierter Akademiker setzte für die Heilung seines Sohnes auf eine Engelsfrau. Das wäre auch unerheblich, wenn nicht „schulmedizinische“ Methoden von ihm abgelehnt und verteufelt würden. In weiterem Umkreis ist auch die Impfverweigerung zu sehen, die vielfach angetrieben wird durch den Glauben an alternative Heilmethoden.
    Doch wie steht es mit der „Einweihung“ von Gebäuden? Ich war beteiligt an der „Einweihung“ einer Polizeidirektion. Mein katholischer Kollege hatte zum Glück keine Bedenken, dass ich die „Weihehandlung“ in meiner Ansprache darauf reduzierte, dass man um Gottes Segen auch für die in diesem Gebäude Tätigen bitten könnte, soweit sie segensreich wirken wollen. Vermutlich haben aber mache den Akt als Weihehandlung verstanden.
    Die Polizei hat, soweit ich sehe, übrigens allgemein darauf verzichtet, „Hellseher“ bei der Suche nach vermissten Personen gewähren zu lassen.

      

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