(Bild: Luke Lopez / unsplash.com)

Zwischen Maschinensegen und Verglückskeksung

Fast die Hälfte der Arbeitsplätze werden in den nächsten 20 Jahren durch die Digitalisierung wegfallen. Aber besonders solche wunderbar sozialen Berufe wie Pfarrer_in müssten doch sicher sein. Wer kann schon die Wärme und Sicherheit bieten, die eine Seelsorger_in erzeugt oder die Zuversicht, die Predigende versprühen wollen? Weit gefehlt: Die Bedrohung durch Digitalisierung, eine Reformbewegung auch der klerikalen Klasse geht viel weiter – könnte man zumindest denken.

In Wittenberg – wo sonst – als Teil der Weltausstellung, etwas abseits der Schlosskirche, im nördlichen Grünstreifen unweit des Tierparks, wartet in einem Kasten aus hellem Holz eine Maschine. Die macht eben das, und macht das vielleicht genauso, was sonst die Hauptamtlichen machen: Bless-U-2. Ein Segensroboter. Und schon sieht auch der britische Guardian in diesem Gerät die neue Priesterklasse.

Tatsächlich sieht das Ganze ein bisschen aus wie ein EC-Automat mit Kopf und Armen und Händen, zusätzlich verkleidet mit silbern-spaciger Folie. Augenbrauen hat er, die sich bewegen, und Kameraaugen, die einen fokussieren. Ein kleiner Monitor zeigt einen roten Mund, der sich bewegt. Der Segensroboter bietet unterschiedliche Sprachen an: Englisch, Spanisch, Polnisch, Französisch und ganz exotisch: Hessisch. Denn: Niemand anderes als die hessisch-nassauische Kirche hat das Ding aufgestellt. Nach der Sprachwahl folgt die Wahl des Geschlechts des Roboters – eigentlich der Stimme – und dann die Wahl des Segens: Lieber klassisch-traditionell, erneuernd, erbauend oder modern? Auf Screentouch hin geht es dann ab: Der Roboter hebt die Arme flott und mit mechanischem Surren, die Augenbrauen beginnen zu spielen. Ein einzelner Finger spreizt sich und –oooooh – da kommt aus den Handflächen gleißendes Licht.

 

 

Auf mich wirkt das ein bisschen wie ein Iron-Man-Zitat. Und das macht vieles klar, was Segen bringt, nämlich durchaus einen Energieimpuls. Aber ikonographisch viel klassischer verstanden ist Gott natürlich (wie) Licht, das ausstrahlt, unfassbar, aber faszinierend und Menschen angehend. Das Licht und die Händen verbinden zwei Traditionslinien: Handauflegen und Unfassbarkeit Gottes in gleißendem Licht. Nur eben als Special Effect und maschinisiert.

Gerade wenn solche Gedanken zum Anti-Ironman losgehen, übertönt dann aber alles eine Stimme, und zwar eine Menschenstimme – und übernimmt das ganze Geschehen. Das ist der Trick des Segensroboters. Und das ist auch der Trick der Menschen, die drum herum stehen und ihn erklären: Der Roboter spielt eine Audioaufnahme (u. a. des Pfarrers, der diese Installation betreut) einer menschlichen Stimme.  Segnen tut hier nicht die Maschine selbst, es ist keine automatische KI-Stimme, wie die vom Navi im Auto. Segnen, das macht eine aufgezeichnete Stimme.

Wird Segen konsumierbar?

Und so ist der Segensroboter kein Experiment, ob Maschinen Handlungsmacht genug zukommt, religiös zu agieren, ob sie illokutionäre performative Akte vollbringen kann, also etwas mit eigenem Willen durch ihre Sprache tun, oder gar perlokutionäre Akte, also etwas in den Empfangenden bewirken kann – Gesegnet-Sein zum Beispiel. Es handelt sich um eine mediale Verschiebung. Und die gestellte Frage ist eigentlich, ob ein aufgezeichneter Segen wirken kann. Das resoniert dann eher mit der weniger radikalen Neugierde, ob ich mich über den Fernseher oder eine CD segnen lassen, oder da was á la Uri-Geller-Gabeltrick übertragen werden kann – oder nicht.

Der Roboter jedenfalls ist in dieser Konfiguration kein Akteur, sondern ein Medium. Ist Segen überhaupt medienmäßig übertragbar? Wird er dann konsumierbar – bzw. ist Segen überhaupt konsumierbar? Was ist mit Wiederholbarkeit? Hält dreimal Segnen besser? Oder braucht es doch eine Interaktion von Angesicht zu Angesicht und eine Aura der Live-Anwesenheit?

Das Ritual entsteht buchstäblich auf Knopfdruck und aus der Dose mit Verglückskeksung von Segensworten. Denn seinen Segen kann man ausdrucken und mitnehmen. Aber die Kamera-Augen zeichnen gar nichts auf, man wird gar nicht angesehen (wie es der im Hessen-Nassauen-Segensparcour ubiquitäre Aaronitische Segen suggeriert), sondern angesprochen – von einem Kirchenmenschen und nicht von einer Künstlichen Intelligenz.

Und die spannende Frage, die sich mir  so kurz nach der Realverfilmung von Ghost in the Shell und den Gotteseinsichten von Robotern in Michael Crichtons Westworld-Serien-Fortschreibung so gerne gestellt hätte – nämlich ob ein Maschinenwesen nicht nur spirituell sein kann, sondern auch segnen und nicht nur Segen medial weitertragen, stellt sich (noch) nicht. Dafür viele andere.

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Zwischen Maschinensegen und Verglückskeksung

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